DIE AUGEN
«Was ist Ihr Problem, junger Mann?» fragt mich die alte Dame mit dem weissen, weitgehend von einer schwarzen Wollmütze verdeckten Haar. Sie schaut mich mit einem strengen Blick aus ihren klaren grauen Augen an und blickt mir, wie mir scheint, direkt in die Seele.
«Mein Problem?» antworte ich. «Ich habe kein Problem.»
«Oh, doch. Das sehe ich in Ihren Augen. Alles lässt sich aus den Augen ablesen.»
In diesem Augenblick hält die U-Bahn an der Tottenham Court Road.
Die ältere Frau verlässt den Wagen mit zielstrebigen Schritten.
Natürlich hat sie kein Wort mit mir gesprochen.
Doch ich bin sicher, dass sie mein Problem kennt.
Ich habe in ihren Augen gelesen.
HAPPY BIRTHDAY, BIRDIE
«Happy Birthday, Birdie. With Love Yours . . .», schreibt die Frau in eine Karte. Eilig und gleichsam, als wollte sie eine lästige Pflicht rasch hinter sich bringen. Die Karte zeigt eine Piratenkatze, deren rechtes Auge von einer schwarzen Binde verdeckt ist.
Die Unbekannte steckt den Geburtstagsgruss schnell in den Umschlag, führt ihn zum Mund, feuchtet die Lasche an, drückt sie zu. Dann steckt sie das Ganze in die Tüte, die zwischen ihren Beinen steht.
Die Frau, vielleicht dreissig, gross und schlank, blickt nachdenklich vor sich hin. Als sie mich kurz anschaut, sehe ich ihre feuchten Augen. Sie hat wohl lange geweint, sich dann rasch und zerstreut zurecht gemacht. Sie kneift die ungeschminkten Lippen zusammen, die nun ganz weiss werden.
Mit grosser Geduld entfernt die Frau ein Häutchen an einem ihrer Finger.
Doch ihre langgliedrigen Hände zittern.
Als ich die U-Bahn an der Station Queensway verlasse, fährt sich die Frau eben mit beiden Händen durchs Haar. Fahrig. Die blonden, von grauen Strähnen durchsetzten Haare hat sich an diesem Morgen jedenfalls kaum gewaschen.
Sie hat wohl nur wenig geschlafen.
Vielleicht war sie allein.
Oder eine Geschichte hat traurig geendet.
Die Türen schliessen sich, die U-Bahn fährt weiter.
NEUJAHR
Da sassen wir also alle zusammen und feierten den letzten Tag des Jahres und – die Uhr zeigte es an – waren nur noch wenige Minuten davon entfernt, das neue Jahr begiessen, pardon: begrüssen zu dürfen.
Natürlich war die Stimmung ausgelassen und das Bier noch nicht alle. Peter war stolz auf den russischen Import-Wodka, den er extra gekauft hatte, gleichzeitig aber besorgt, weil die Flasche schon fast leer war.
Es sei auch noch Wein da, rechtfertigte er sich völlig überflüssigerweise, und dabei handle es sich ebenfalls um einen ganz besonderen Tropfen, denn er komme von weit her, aus Deutschland.
Die ausgeräumte Garage war mit Papierschlangen und manchem mehr geschmückt, Opa stand seit Stunden draussen am Grill und wir sassen fast ebenso lange essend und trinkend drinnen in seinem Reich. Und irgendwo waren die Kinder mit dem Spielzeug beschäftigt, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatten.
Unbeschwert wollten wir diesen letzten Tag im Jahr geniessen, fröhlich und heiter.
Nur der kleine Benjamin hatte kurz die Stimmung getrübt, als er ungewollt die ebenfalls anwesende alte englische Lady von nebenan masslos erschütterte. «Bamm», hatte er fröhlich geschrieen, als er auf den mit Pampers gepolsterten Hintern geplumpst war, was Lady Gladys natürlich wesentlich vulgärer interpretierte als wir deutschsprachigen Eltern.
Geschockt und kreidebleich im Gesicht sass sie plötzlich noch steifer im Ehrenstuhl und der Sherry in ihrem Gläschen, das sie bislang so würdevoll gehalten hatte, wie es die Queen nicht besser gekonnt hätte, schwappte über.
Die so sehr auf Etikette bedachte Lady, die noch Königin Victoria wenn nicht persönlich, so doch aus vorbeiziehender Paradennähe gekannt hatte, liess sich indessen beruhigen. Sie überwand den Schock umso rascher, da man ihr das schlanke Gläschen sofort wieder füllte, als sie es uns – eher weniger ladylike – mit einer ruckartigen, raschen Vorwärtsbewegung ihrer zierlichen Hand herausfordernd und hilfeheischend hinstreckte.
Alle waren wir also wieder fröhlich gestimmt, heiter und nach den unterschiedlichen Möglichkeiten, den uns der anerzogene Spielraum gewährte, sogar ausgelassen. Die Zungen wurden mit zunehmender Dauer der Feier etwas schwerer, die Lacher etwas spitzer und lauter.
Peter war es schliesslich, der das lockere Geplauder in der geräumigen, normalerweise zwei Autos beherbergenden Garage mit der Werkbank an der einen und den zur Seite geschichteten Ersatzreifen für den «Falcon» an der gegenüberliegenden Wand in andere Bahnen lenkte. Ohne Absicht natürlich, dreiundzwanzig Minuten vor Mitternacht, mit einer simplen Frage: «Telefonierst du», sprach er mich nach längerem Nachdenken mit unschuldig blauen, bedächtig glasiger werdenden Augen an, «jetzt dann gleich nach Hause, um deiner Mutter ein gutes neues Jahr zu wünschen?»
Die Frage mag auf den ersten Blick absolut berechtigt und schon gar nicht ungewöhnlich erscheinen, und die Gespräche gerieten darob vorerst nicht einmal ins Stocken. Es ist jedem Menschen ja völlig und sofort klar, zu welchem Zeitpunkt ein neues Jahr beginnt. Genau um Mitternacht oder den Bruchteil einer Sekunde danach. Und Mitternacht ist definiert; sie ist auf exakt 24.00 oder 00.00 Uhr festgelegt, kein Problem und kein Spielraum für Interpretationen.
Allerdings, und eben darob gerieten wir ins Grübeln und hätten wir schliesslich beinahe den entscheidenden Sprung des Sekundenzeigers verpasst, existiert für Anfang und Ende eines Jahres entgegen unserer Wahrnehmung keineswegs ein weltweiter Standard.
Ich war also durchaus stolz, mit meiner Entgegnung trotz fortgeschrittener Feierstunde intellektuelle Schärfe zu beweisen: «Was soll ich denn meiner Mutter mitten am Nachmittag ein gutes neues Jahr wünschen?».
Diese Antwort brachte mein Gegenüber etwas aus der Fassung. «In einundzwanzig Minuten beginnt das neue Jahr», beharrte er nach einem neuerlichen Blick auf seine Armbanduhr auf seiner Sicht des Weltenlaufes und alle anderen am Tisch bekräftigten diese unumstössliche, allgemeingültige Tatsache. Man hätte sich ja nicht oder zumindest nicht aus diesem Grunde zu einer Party eingefunden, hätte es nicht genau dies zu feiern gegeben; den Jahreswechsel. Und das neue Jahr – da wurde keine Widerrede geduldet – hatte überall auf dem Erdball exakt zur gleichen Zeit zu beginnen: Beim beherzten Sprung des Zeigers von Mitternacht in den 1. Januar.
«Das wäre noch schöner», meldete sich jemand von unten am langen Tisch, «würden andere noch im letzten Jahr und wir schon im neuen leben. Unvorstellbar!»
Opa, mit einer weiteren Ladung gegrillten Fleisches in die Runde tretend, legte die Stirn in Falten. Und Oma nickte bedächtig. Noch in Deutschland geboren, wussten sie, wovon ich sprach. «Wer will noch ein Steak?» rief Opa vorerst, während sich der Blick des zwölfjährigen Matthew verklärte. Er liebte Science-Fiction-Geschichten und war mit den anderen Kindern zurück in die Garage gekommen: «Wenn nicht überall auf der Welt das neue Jahr in exakt derselben Sekunde beginnt, dann sind ja Zeitreisen möglich.»
Nicht mit «cool» mischte sich sein kleiner Neffe Alan ein – denn dieser Gebrauch des Wortes war noch nicht erfunden –, also freute sich der Kleine mit einem hellen «Super»: «Dann kann ich ja mit einem ultraschnellen Flugzeug überall auf der Welt die Weihnachtsgeschenke persönlich abholen und bin zum zweiten Weihnachtstag wieder zurück.» Wir alle wiederum hätten uns sofort nur schon deshalb mit in dieses Flugzeug gesetzt, um auf dieser Reise mehrfach Silvester feiern zu können.
«Wo führt das hin», sinnierte hingegen Bernd, allerdings mit Schalk im Blick, «wenn wir auf dieser Welt nicht einmal mehr sicher sein können, dass das Neujahr nicht auf Silvester fällt?»
Das alles spiele doch gar keine Rolle, ereiferte sich endlich Opa: «Wir feiern hier und jetzt und damit basta. Schliesslich leben wir hier und nicht in jenem Teil der Welt, der offensichtlich weniger fortschrittlich ist. Happy New Year!» Womit er den Nagel auf den Kopf traf und wir daran gingen, den deutschen Wein zu entkorken.
* * *
Ich rief meine Mutter natürlich doch noch an. Sie freute sich ausserordentlich, denn eben hatte es Mitternacht geschlagen von der katholischen Kirche, deren Glocken sie bei geöffnetem Küchenfester hörte.
Ob ich sie auf den Arm nehmen wolle? Mitnichten, gab ich zurück. Auf ihre Frage, ob wir schön feierten, hatte ich doch bloss wahrheitsgemäss geantwortet, ich hätte eben mein Honigbrot gestrichen und den ersten Frühstückskaffee zu mir genommen. Sie murmelte etwas wie «komische Sitten», dieweil Opa vor sich hin knurrte, als wir uns später im Fernsehen das Neujahrskonzert der Wiener Symphoniker ansahen: «Ein genügend schnelles Fluggerät vorausgesetzt, könnten wir jetzt schnell nach Wien fliegen, um nach dieser Konserve vom letztjährigen das aktuelle Neujahrskonzert zu geniessen.»
Denn dieses hatte an diesem Neujahrstag in Australien noch nicht einmal begonnen – drüben in Europa, das noch daran war, das neue Jahr nächtlings zu begrüssen.