LESEPROBE

Buchtitel «Herzbluten»

ISBN 9-783839-162903

«Es steckt im Wort drin, da es dabei blutet», sagte er.

Sie blickte ihn verständnislos an.

»Das Wort Herz in Schmerz.«

Als er ihren Blick unverändert verwundert sah, seufzte er und buchstabierte, die wesentlichen Buchstaben hervorhebend:

«S – C – H – M – E – R – Z.»

«Ach so», sagte sie.

Unglaublich, dachte er nach einer Weile des erfolglosen Wartens: Sie hatte doch tatsächlich bloss «ach so» gesagt und war dann verstummt.

Was absolut ungewöhnlich war. Normalerweise antwortete sie auf seine kurzen Feststellungen schnell, spontan und gleichwohl mit langen Entgegnungen, als hätte sie sich, als er fragte, die Antwort längst zurechtgelegt gehabt. Es schien ihm jeweils, als ob sie befürchte, das Gespräch würde unter Umständen versiegen, bevor es richtig begonnen hatte, ginge sie nicht gleich auf seine Bemerkungen ein.

Er wartete weiter ab.

Er war es gewohnt, sich in Geduld zu üben. Davon hing in seinem Landleben viel ab: nichts zu überstürzen, nicht gleich ungeduldig zu werden, wenn sich etwas scheinbar nicht so entwickelte, wie er es sich erhofft oder ausgedacht hatte. Also würde er für einmal wohl auch warten können, bis ein Mensch so weit wäre, seine Gedanken aufzunehmen und sich die Antwort zurechtzulegen.

Er war überzeugt, sie würde gleich weiterfahren, ausholen, weitschweifig differenzieren – wie stets.

Er schaute, während sie vor sich hin schwieg, einer Fliege zu, die am Fenster hinter ihr den Vorhang hochkletterte. Er wünschte sich in diesem Moment, dieses Krabbeltier zu sein. Oder irgendein anderes Lebewesen. Vielleicht ein Kater. Am liebsten wäre ihm gewesen, als Hauskatze bei einer älteren Frau zu leben, die ihn praktisch Tag und Nacht und nach Strich und Faden verwöhnen würde. An einem Ort hätte er am liebsten seine Tage verbracht, wo es ihm erlaubt gewesen wäre, den ganzen Tag, zu einem Ball gerollt, auf dem Sofa zu schlafen. Wo das Essen bereitstünde oder seine Besitzerin sofort in der Küche verschwände, um ihm etwas bereitzumachen, würde er auch bloss ansetzen zu einem Miauen. Etwas in dieser Richtung eben. Hauptsache, ein unbeschwertes Leben. Keines, bei dem ständig Entscheidungen zu treffen wären. Und keines, das Verpflichtungen und sogenannte Sachzwänge mit sich brächte.

«Ja», entschloss sie sich schliesslich fortzufahren, «ja, das stimmt. Doch ich dachte, wir wollten über die Liebe reden. Nicht über den Schmerz.»

© 2010 Martin A. Walser