LESEPROBE

Buchtitel «SehnSucht»

Sie stiegen die steile, bei jedem Schritt behaglich knarrende Treppe hoch. Er ging hinter ihr und trug ihre Reisetasche, die seiner Einschätzung gemäss wenig mehr als ihre Toilettensachen enthalten konnte, so leicht war sie. «Geradeaus», erläuterte er, als sie beinahe oben angelangt waren, «liegt mein Arbeitszimmer. Dort steht ein Sofa, auf dem man zur Not auch schlafen kann.» Sie blickte fragend über ihre Schulter, ohne ein Wort zu sagen.

«Und linkerhand», fuhr er rasch fort, als er sich ihres Blickes gewahr wurde, «befindet sich das Schlafzimmer.»

Sie hielt am Absatz an, drückte sich gegen die Wand und liess ihm den Vortritt. Schliesslich war er hier zu Hause, und zudem sollte er wenigstens eine, die für die Zukunft eventuell massgebende Entscheidung treffen. Er wandte sich nach links, öffnete die Tür, knipste das Licht an und trat zur Seite, damit sie eintreten konnte.

Sie erblickte zuallererst zu ihrer Rechten die zwei in Nischen gelegenen, von Spitzbögen überspannten Fenster. Die vordere Kante des einen, des links liegenden, war mit einem breiten Band in einem wässrigfahlen blassen Blau bemalt, die andere Vertiefung, jene zum rechten Fenster hin, zeigte sich im selben strahlenden Weiss wie die vier Wände, die den Raum umschlossen: schmucklos nackt.

Das breite Bett und die Beistelltische zu jeder Seite waren aus einfachem Holz gefertigt. Eine schlichte Kommode an der rechten und ein raumhoher Schrank auf der linken, jener Seite des Eingangs, die momentan von der offenstehenden Türe halbwegs verdeckt war, ergänzten die karge Möblierung, die genügend freie Sicht auf den blank geschliffenen, matt geölten Holzfussboden liess.

«Das ist wunderschön», kommentierte sie fast tonlos und staunend. Er führe wohl, fügte sie hinzu, ihn neckend, in der nicht unüberhörbaren Absicht allerdings, ein allenfalls bestehendes diesbezügliches Geheimnis zu lüften, viele Frauen hier hinauf, um sie zu verführen.

«Du bist die erste und wirst die letzte Frau sein, die dieses Zimmer betritt, um allenfalls mit mir in diesem Bett die Nacht zu verbringen», gab er zurück. Und er verriet ihr, dass er die Mauernischen zu beiden Seiten der Fenster zu bemalen gedenke. "Stationen meines Lebens", werde das Thema lauten.

«Werde ich ebenfalls Teil eines Bildes sein?» fragte sie.

Sie standen noch immer bei der Tür. Fast schien es, als seien sie sich unschlüssig, wie es weitergehen sollte. Selbst jetzt war ja noch nichts endgültig entschieden.

© 2009 Martin A. Walser