LESEPROBE
|
Ich wählte an diesem ersten Abend nach unserer gemeinsamen Nacht ihre Nummer, kaum hatte es achtzehn Uhr geschlagen (natürlich tat ich dies, ich hatte schließlich den ganzen Nachmittag praktisch nichts anderes getan, als mich darauf vorzubereiten und dabei unablässig auf die Uhr geschaut). Ich musste die Zahlen dreimal eintippen, da ich mich ständig vertat. Meine Nervosität, die sich aus der Erwartung ergab, gleich ihre Stimme zu hören, und die Unsicherheit, was ich sagen und was ich sie fragen wollte und wie sie darauf reagieren würde, meine Stimme kaum mehr als zwölf Stunden |
nach unserem frühmorgendlichen Auseinandergehen bereits wieder zu hören, hatten sich im Verlaufe des endlosen Nachmittags zu einem Verhalten verbunden, von dem uneingeweihte Beobachter wohl zwangsläufig annehmen oder vermuten mussten, es sei jenes eines sich auf Entzug befindlichen Drogenabhängigen, der verzweifelt versucht, seinen Dealer zu erreichen. Ich würde alles vermeiden, was danach klänge, als vermisse ich sie, nahm ich mir vor. Ich würde mich nach ihrem Befinden erkundigen (ich ließe dabei meine Stimme fröhlich und bestimmt klingen, dies gelingt mir meistens ganz gut), und die weitere Entwicklung des Gesprächs ihr überlassen. Würde sie mich auffordern, sie zu besuchen, oder würde sie vorschlagen, wir könnten uns irgendwo treffen? Ich war mir nicht sicher, ob ich mir dies wünschte oder erhoffte, und ich könnte eine lange Erklärung liefern, weshalb diese Unsicherheit bestand.
Ich musste mich mit dieser Frage vorläufig allerdings nicht weiter befassen, nicht an diesem Abend, weder um achtzehn, noch um neunzehn Uhr, noch wieder eine Stunde und noch eine Stunde später und nicht jede weitere halbe Stunde danach bis weit nach Mitternacht: Stets hörte ich nur eine mechanisch klingende Frauenstimme ab Tonband oder Computer, die mir freundlich mitteilte, die gesuchte Teilnehmerin sei telefonisch derzeit nicht zu erreichen.
Meine Versuche, Madame B. zu erreichen, blieben erfolglos. Weihnachten zog vorbei. Ich verbrachte diese Tage einsam und traurig in meinem Hotelzimmer. Was gibt es Trostloseres, als an Weihnachten allein zu sein? Doch ich konnte nicht nach Hause fahren, noch nicht. .
© 2011 Martin A. Walser