LESEPROBE
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«Woraus besteht Hoffnung?» fragt er keck und streckt herausfordernd sein spitzes Kinn vor. Zwischen ihm und seinem Gegenüber steht das eine Bier, zu dessen Kauf der Rest jenes bescheidenen Geldbetrages noch gereicht hat, der ihnen nach der nicht gerade billigen Busfahrt in die Grossstadt verblieben ist. Tiefdunkel und verführerisch lächelt es ihnen zu: «Trink mich!» fordert sie das edle Gebräu auf dem kleinen Stehtisch auf. Noch ist das Glas unberührt und so randvoll, wie der freundliche, vierschrötige Mann an der Theke es ihnen überreicht hat. |
Wie eine Trophäe hat es Adi unter Egons aufmerksamen Blicken sorgsam, damit bei einem unbeabsichtigten Anrempeln ja kein Tropfen verloren ginge, vor sich herbalanciert, als er sich vorsichtig durch die dicht gedrängte Menschenmenge schlängelte. Endlich geschafft, hat er es mit wahrer Liebe und einem erwartungsfrohen Blick auf das knappe Tischrund gestellt.
«Ganz schön viel los», sagt Egon. Es stand ihm reichlich Zeit zur Verfügung, sich ausgiebig im Lokal umzusehen, während er auf die Rückkehr seines langjährigen Kumpels wartete.
Sie hatten sich hierher geflüchtet, als plötzlich heftiger Regen vom Himmel geprasselt war, auf den sie nicht vorbereitet gewesen waren. Einen Augenblick lang hatten sie gar befürchtet, der Weltuntergang sei angebrochen und sie würden in den Wassermassen elendiglich zugrunde gehen. Doch sie hatten sich in Sicherheit flüchten können. Das hatte sich am Vortag zugetragen. Seither standen sie, nur unterbrochen von wenigen Stunden Schlaf unter einer Brücke, hier. Sie hatten am Tag des grossen Regens ein Bier getrunken, und jetzt würde das letzte folgen, es sei denn, es gelänge ihnen, irgendwie zu Geld zu kommen. Draussen strahlte inzwischen wieder scheinheilig die Herbstsonne, als sei nie etwas gewesen.
Egon hat die jüngeren, ausnahmslos schlanken Männer in ihren dezenten Anzügen beobachtet und selbstverständlich mit wesentlich grösserem Interesse die wenigen Frauen bewundert, die zwischen all den Kerlen standen.
«Alles ganz grosse Klasse», sagt Egon und deutet in die Runde. Adi weiss natürlich sofort, was sein Kumpel meint.
«Das ist hier über Mittag immer so», klärt Adi ihn mit einer Geste auf, als wäre er seit langem Gast dieses Lokals. «Da strömen die Menschen aus den Banken und all den anderen Firmen herbei, die es rundherum haufenweise gibt, um sich ein paar Bierchen und eventuell gar einen hastigen Imbiss zu genehmigen. Wahrscheinlich lässt sich mit ein paar Promille intus besser arbeiten. Mit gelockerter Zunge und ausgeschalteten Skrupeln lässt sich die Kundschaft sicher leichter über den Tisch ziehen. Das Gewissen, sofern die Kerle überhaupt eines haben, macht mit Alkohol im Blut zweifellos noch weniger Ärger wie sonst. Doch Du hast meine Frage nicht beantwortet», verlangt Adi im gleichen Atemzug und mit einem hartnäckigen Unterton nach Aufklärung.
© 2009 Martin A. Walser