LESEPROBE
BILDER ZUM BUCH |
Und dann standen sie also vor diesem windschiefen Haus, das allen Stürmen getrotzt hatte. »Es sieht mir ähnlich«, schmunzelte er, rein nach innen gerichtet wie stets, die Maklerin sollte nichts davon mitbekommen: Das Haus wirkte, wie sein Leben, ziemlich verlebt, aber nicht oder gerade deshalb nicht ohne Charakter und Charme, der Verputz war an gewissen Stellen am Abbröckeln, hier und dort hatte man die Fassade mehr schlecht, denn recht geflickt. | |
»Warum wird auch im Leben oft das Problem nicht an der Wurzel gepackt, indem man die Ursache behebt?«, schoss es ihm durch den Kopf, als er die Rostlöcher im zuführenden und gleich daneben das ziemlich neue, in dieser Kombination allerdings funktionslose, mit dem sicheren Grund verbundene Abflussrohr sah.
Ein ziemlich marodes Holzgatter – es grenzte die untere Laube von den wenigen Stufen der Außentreppe ab, die direkt von der Straße hinaufführte –, hing schief in den Angeln, die Balken, die den offenen Holzanbau trugen, der das Treppenhaus bildete, schienen solide zu sein, aber etwas zaghaft auf ihrem steinernen Unterbau zu stehen. Das uralte, schwere Steindach, dies empfand der Besucher als tröstlich, war seit Jahrhunderten ganz offensichtlich seiner Aufgabe ebenso gewachsen wie das aus schweren Steinbrocken geschichtete Fundament.
Immerhin habe sich das Gemäuer über fünfhundert Jahren lang dem Zerfall widersetzt, verteidigte er seine Begeisterung für das Gebäude, es habe in dieser Zeit allen Angriffen der Natur getrotzt, weder peitschender Regen, noch eisige Kälte, noch um die Ecken fegende und durch das Tal tosende Winde und Stürme oder aber Trockenheit und anhaltende Hitze hätten ihm, insgesamt betrachtet, viel anhaben können, also sei die Sorge doch lächerlich, es könnte ausgerechnet jetzt, heute, morgen, in einem oder in zwei Jahren einstürzen und ihn begraben. Doch man kann sich nie sicher sein: Zusammenbrüche und Hauseinstürze kündigen sich kaum je mit Pauken und Trompeten an.
© 2011 Martin A. Walser