LESEPROBE
|
Der Schmetterling mit seinen scharfen schwarzen Konturen und den Farben, die zu verblassen beginnen, zieht meinen Blick weiterhin in seinen Bann: spannt Alexandra die Armmuskeln oder bewegt sie gar leicht den Arm, scheint er sich zu ducken, um sich gerade jetzt, das sie ihren Körper anmutig dehnt, in seiner ganzen, bescheidenen Grösse zu strecken: He, ihr Turteltäubchen, bedeutet er uns keck, ich bin auch noch hier. «Er gefällt Dir», lächelt sie. «Ja», erwidere ich ebenso leise, «und ich präge mir das Bild ein, um es in meinen Gedanken stets mittragen und anschauen zu können bis ans Ende meiner Tage.» |
«Ich werde ihn ganz gewiss erneuern, wenn er abgeblättert sein wird. Denn dieser Schmetterling: Das bist Du. Etwas von seiner früheren Buntheit ist Dir geblieben. Nicht, dass Du jetzt eine graue Maus wärest, mitnichten! So jedenfalls schätze ich Dich nicht ein. Gleichzeitig meine ich aber zu wissen, dass ich den bunten Vogel, der Du einst mit Bestimmtheit warst und die damit logischerweise verknüpfte Flatterhaftigkeit wohl kaum ertragen hätte. Nicht länger als ein paar wenige Minuten jedenfalls, vermute ich. In diesen Pastelltönen jedoch. . .»
Sie strafft mit zwei gespreizten Fingern leicht die Haut nach oben, wodurch der Schmetterling sich ihrem Gesicht zuzuwenden scheint: «Schau ihn Dir an: so bist Du, pastellfarben, sanfter geworden mit der Zunahme an Jahren, nicht mehr derart ungestüm in die Welt hinaus stürzend, Dich begierig jedem Abenteuer stellend, das auf Dich warten könnte. Weder in Deinen Gebärden», sie berührt mit der Hand meine Wange, «noch in Deinem Handeln bist Du noch der Heisssporn, der Du zweifelsfrei einst warst. Noch etwas allerdings, und hier wird die Erinnerung eine durchaus schmerzliche sein, dessen bin ich mir bewusst, wird mich an Dich denken lassen, wenn ich künftig diesen Schmetterling betrachten werde: er scheint stets wegfliegen zu wollen – doch noch bleibt er, da er meine Wärme, meine Zuneigung sucht und mag und meinen Herzschlag spüren will. Dies ist gleichzeitig meine momentane Hoffnung: dass Du bleiben mögest. Auch wenn ich mir noch immer nicht ganz sicher bin, ob ich dies tatsächlich begrüssen würde, bestünde diese Option tatsächlich. Meine eventuelle Erwartung wird enttäuscht werden, das weiss ich sehr genau, etwas anderes ist nicht wirklich denkbar. Doch gerade deshalb bin ich so glücklich, jetzt in diesen gemeinsamen Stunden ohnehin, aber auch danach, wenn ich wenigstens ihn und damit etwas bei und an mir behalten werde, was die süssesten Erinnerungen wachrufen wird, wann immer ich dieses kleine, unschuldige Tier betrachten werde.»
© 2008/2009 Martin A. Walser