LESEPROBE
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»Hast du dir je überlegt«, fragt Ludwig Engelsmann, nachdem Daniel Dobler an den schweren Eichentisch im Restaurant zurückgekehrt ist, er trägt nun eine alte Jeans und einen verwaschenen Pullover, unter dem der Kragen eines schwarzen Hemdes hervor lugt, »was Zukunft bedeutet, dieses flüchtige Nichts, an das wir uns klammern. Die Hoffnung auf die Zukunft hält uns am Leben,weil wir glauben, mit dem Erreichen dieses vagen >demnächst<, das >morgen< bedeuten kann oder >übermorgen< oder >in einem Monat< oder in einem | |
Jahr, werde alles besser und mit Sicherheit alles augenblicklich vergessen sein, was uns hier und jetzt belastet und quält und ärgert und aufhält. Wir übersehen, dass diese Zukunft in Tat und Wahrheit in jeder Sekunde und mit einem äußerst knappen Aufenthalt im Jetzt und unwiederbringlich zu Vergangenheit zerrinnt. Wie viele Erwartungen doch mit dieser sogenannten Zukunft verknüpft sind! Am Abend vor dem Einschlafen machen wir Pläne für den kommenden Tag,der, sind wir überzeugt, während wir die Augen schließen und auf den Schlaf warten, ein besonderer und ein besonders guter und ereignisreicher und beglückender werden wird. Am Morgen befassen wir uns mit dem Abend, für den wir dieses und jenes planen, und während wir unseren Arbeitsalltag abspulen und dem nachrennen, was er für uns bereithält oder was andere bereitgelegt haben, auf dass wir es abtragen sollen, schweifen unsere Gedanken ab. Zu einem gewissen Zeitpunkt im Leben, er tritt dem einen Menschen früher, dem anderen später entgegen, beginnen wir uns – ob wir es wollen oder nicht und selbst, wenn wir diese Gedanken zu verdrängen trachten – mit jener Phase unseres Daseins auseinanderzusetzen, in der wir nicht mehr gezwungen sein würden, uns jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe zu erheben, um an den Arbeitsplatz zu eilen, dies wird uns bewusst in einem Moment, zu dem unser neuer Lebensabschnitt noch in beträchtlicher Ferne liegt, und dann ist dieser Augenblick gekommen, wir haben ihn so sehnlich herbeigesehnt, doch nun stehen wir der zur Gegenwart gewordenen Zukunft dennoch ziemlich hilflos gegenüber. Und schon beginnt das Spiel von vorn: Tag für Tag nehmen wir uns wiederum vor oder träumen davon, was wir morgen und übermorgen und nächste Woche und diesen Sommer und im kommenden Jahr tun und erledigen und unternehmen wollen – sofern wir uns nicht einfach treiben lassen und in Agonie versunken unserem Ableben entgegen dämmern, doch wer tut dies heutzutage noch inmitten dieser Fülle an möglichen Beschäftigungen und umgeben von all diesen Angeboten, die Ablenkung und Vergnügen versprechen? – und schon ist wiederum ein neuer Tag gekommen und abermals ist er vorbeigezogen, ohne dass wir in Angriff genommen hätten, was wir uns für ihn vorgenommen hatten in der Nacht zuvor oder tagsüber, als wir die Pläne schmiedeten, wir haben keine Zeit gefunden oder keine Lust gehabt oder wir wurden abgelenkt, da es Dinge zu erledigen galt, die uns noch vordringlicher erschienen oder uns von Mitmenschen auferlegt wurden, oder wir hatten plötzlich keine Lust mehr verspürt, jenes in Angriff zu nehmen, was uns wenig zuvor und in der Vorausschau noch als besonders faszinierend erschienen war. Stets setzen wir alle Hoffnung also in eine Zukunft, die wir nicht kennen, an die wir jedoch ganz bestimmte Ansprüche haben, und immer wieder lassen wir die Zeit verstreichen, ohne uns gerührt zu haben, oder sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, ohne dass von alleine eingetreten wäre, was wir von ihr erwartet hätten oder es geschieht zwar, wovon wir überzeugt waren, dass es passieren werde, aber es ereignet sich nicht in exakt der Form, die wir uns gewünscht oder ausgemalt oder erträumt, erhofft oder befürchtet haben.«
© 2010 Martin A. Walser