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Martin Andreas Walser

8. Januar 2021
von Martin Andreas Walser
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Eintritt ins Jahr 2021

Fenster_002_c_quadrat_1280 … auf den etwas nachdenklichen Übertritt ins neue Jahr folgen die üblichen Träume …

AI_007_003_quadrat_1280«Bleibt das Wort im Hals stecken und will es nicht mehr in die Finger fliessen, ist man versucht, den Empfindungen mit anderen Mitteln Ausdruck zu verleihen.»

(2021/1 und 2, Januar 2021, «Adobe-Spielereien»)

29. Dezember 2020
von Martin Andreas Walser
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Das Jahr 2020 (2/4)

AI_004_a_2_quadratMein Blick auf das Jahr 2020 und die Welt (2/4) – «Bleibt das Wort im Hals stecken und will es nicht mehr in die Finger fliessen, ist man versucht, den Empfindungen mit anderen Mitteln Ausdruck zu verleihen.»

Illustration 2 von 4, Dezember 2020, «Adobe-Spielereien»

28. Dezember 2020
von Martin Andreas Walser
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Das Jahr 2020 (1/4)

AI_003_a_A3_defMein Blick auf das Jahr 2020 und die Welt (1/4) – «Bleibt das Wort im Hals stecken und will es nicht mehr in die Finger fliessen, ist man versucht, den Empfindungen mit anderen Mitteln Ausdruck zu verleihen.»

Illustration 1 von 4, Dezember 2020, «Adobe-Spielereien»

27. November 2020
von Martin Andreas Walser
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Das Das

«Iss das», fordert das Das.

«Nein», weigert sich das Das und stampft mit das Das auf das Das.

«Aber Du musst das essen», beharrt das Das.

«Weshalb?, will das Das wissen.

«Damit Du eines Das ein Das wirst.»

«Aber ich will kein Das werden, ich will das Das bleiben.»

(Ob sich das Das damit das versuchten Das schuldig gemacht hat, wird auf ein von das Das eingereichtes Das hin das hohe Das in das öffentliche Das entscheiden.)

22. September 2020
von Martin Andreas Walser
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Die kleine Katastrophe

home_220920Sich aus dem Bürostuhl erheben, hinübergehen ins Wohnzimmer, fünfzehn, vielleicht zwanzig, höchstens aber dreissig Minuten auf dem Sofa liegen, ruhelos innerlich, äusserlich sich zu absoluter Bewegungslosigkeit zwingend, es würde vorbeigehen, es würde sich alles ganz gewiss ergeben: immer wieder in sich hineingesagt, hinüberwechseln in die Küche, Kaffee per Knopfdruck, Fenster öffnen, Zigarette anzünden und ins Freie rauchen, zurück ins Arbeitszimmer, sich wieder hinsetzen, den Bildschirm, die leere Seite, die man geöffnet hat, anstieren, als ob sich da, ohne dass man etwas unternähme, plötzlich Buchstaben, Wörter, Sätze formulieren würden, wenig später alles von vorn: Wohnzimmer, Küche, zurück auf den Bürostuhl, zwischendurch höchstens ein kurzer Gang zur Toilette oder ins Schlafzimmer, die Decke zurückgestreichelt, damit mehr Zeit verginge als beim blossen Zurückwerfen, das Betttuch flachgestrichen, die Kissen aufgeschüttelt, ein weiterer der unzähligen Blicke auf das Zifferblatt der Armbanduhr: kaum viel mehr als eine Stunde vergangen. Zur Nutzlosigkeit verdammt, weil der Kopf nicht will und das Hinausgehen schwerfällt.

Draussen, irgendwo, irgendwann, immer einmal wieder, wird demonstriert «für die Freiheit», es werden unsägliche Vergleiche gezogen zur düstersten, immer noch jüngeren Vergangenheit, es wird lamentiert und gejammert, angeklagt und gedroht, es werden jene Wahrheiten skandiert oder mit aller Schärfe, Beharrlichkeit und Bestimmtheit, von aller Welt einsehbar und nachlesbar, verbreitet, die man als die richtigen, die einzigen bezeichnet, irgendwo werden Grundrechte für Affen eingefordert und Sternchen, diese kleinen, unscheinbaren *, zur Pflicht herbeigeschrieben und herbeiargumentiert und herbeibefohlen, werden Bezeichnungen wegerzwungen, wird getan, als ob dies alles und viel mehr bloss «in Ordnung gebracht» werden müsste, damit es uns allen besser ginge, das Paradies auf Erden greifbar nahe, während andernorts Menschen, ihre Meinungen, Ansichten, Äusserungen, Vorstellungen, Ideen, Proteste, tatsächlich und brutal unterdrückt werden, während andernorts Menschen vertrieben, vergewaltigt, verstümmelt, gefoltert, weggesperrt, erniedrigt, erschossen, gehängt, verscharrt werden, während andernorts Menschen verhungern, während andernorts Bomben auf Unschuldige geworfen und Menschen gezwungen werden, an Kriegen teilzunehmen, die nicht die ihren sind, während Menschen frieren und hungern und in Todesangst leben und all ihrer Hoffnungen nicht nur auf ein besseres Leben, sondern selbst auf das nackte Überleben beraubt werden, wir sehen zu, wie neue Diktaturen entstehen, wie vermeintliche, tatsächliche Grundrechte eliminiert, wie die Umwelt und damit unsere Zukunft zerstört werden. Und dies alles, weil wir keine Zeit finden, uns damit zu befassen, denn wir sind vollkommen ausgelastet mit unserem Streit um kleine Stofffetzen, um Wörter, um *, um was auch immer bis hin zu den Grundrechten für Affen.

Da bleibt auch kein Platz, sich zu fragen, ob zwischen alledem und jenem Lebewesen, das sich nur noch aufzuraffen vermag, um sich vom Bürostuhl auf das Sofa, in die Küche und zurück via Bad oder Schlafzimmer wieder auf den Bürostuhl zu bewegen, eventuell ein Zusammenhang besteht. Zumal jenes Individuum weitestgehend schweigt. Denn diese kleine, diese persönliche Katastrophe könnte von der einen oder einer anderen Seite als «Beweis» vereinnahmt, von diesen oder jenen Kreisen als weinerlich angesichts sprachlicher und anderer Ungerechtigkeiten bezeichnet, als lächerlich – und dies mit einigem Recht – von jenen kritisiert werden, deren Blick auf die tatsächlichen schweren Probleme dieser Welt noch nicht verstellt ist, könnte missverstanden und nicht verstanden werden.

Und damit weiter aufs Sofa.

28. Mai 2020
von Martin Andreas Walser
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Jostein Gaarder: Genau richtig – oder: Du sollst dir kein Bildnis machen

Was diese spezielle Zeit mit mir anstellt (11)

Lieblingsbücher sind ganz spezielle Bücher, nicht zwingend “die wichtigen”, nicht unbedingt jene, die “einen geprägt” haben, Bücher halt, die man noch mehr liebt als die anderen – und mit denen meist eine Geschichte verknüpft ist, eine Erinnerung, die eine bessere Chance hat, wieder wach zu werden in Zeiten wie dieser. Lieblingsbuch 10/10 …

IMG_20200528_085613~2Geht man meine bisher vorgestellten «Lieblingsbücher» durch, mag vielleicht nicht nur mir auffallen, dass das ganz grosse Thema – die «Liebe» – kaum auftaucht. Was wäre die Literatur aber ohne «die Liebe»! Durch alle Jahrhunderte und Epochen, durch helle und dunkle Jahre, die diese Welt erlebt hat, zieht sie sich hindurch, von den grossen klassischen bis hin zu den heutigen Werken. Vielleicht fällt es deshalb so schwer, ein eigentliches «Lieblingsbuch», spontan oder wohlüberlegt, heraus zu zupfen – nicht nur das Angebot ist beinahe «unendlich» (als ob es Unendlichkeit gäbe!), sondern die mögliche Auswahl zieht sich auch bei mir durch alle Regale hindurch.

Mein absolutes «Lieblingsbuch» über die Liebe ist streng genommen kein Buch, sondern ein Eintrag in Max Frischs Tagebuch (1946 – 1949) unter dem Titel «Du sollst dir kein Bildnis machen», ein Leitfaden gewissermassen, der mich ein Leben lang begleitet hat (und den ich mitunter leider vergass): «Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen (…) Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben.»

Wenn ich mich schliesslich entschieden habe, aus den immensen Möglichkeiten Jostein Gaarders «Genau richtig» auszuwählen, so deshalb, weil diese Geschichte des norwegischen Autors mich tief bewegt hat – diese kurze Geschichte einer langen Nacht: «Eirin und ich haben einander ernst versprochen, in guten wie in bösen Tagen zusammenzuhalten. Die guten Tage, fast nur gute, liegen hinter uns», bilanziert Albert, der eine schlechte ärztliche Diagnose erhalten hat: «Jetzt kommen die bösen Tage, aber vielleicht können wir auch darin etwas Gutes finden.»

Schöner, finde ich, kann man Hoffnung auf die Kraft der Liebe fast nicht ausdrücken.

Daneben haben sich mir in der jüngeren Vergangenheit einige andere Betrachtungen der Liebe aus unterschiedlichsten Blickwinkeln eingeprägt und mich berührt. Julian Barnes’ «Die einzige Geschichte» zum Beispiel. Oder Tadeusz Dabrowskis «Eine Liebe in New York». Oder, etwas weiter zurück, «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» von Milan Kundera: «Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.» Oder …

Damit ist die Reihe der «10 Lieblingsbücher» zu Ende, die zu benennen ich eingeladen worden bin und zu denen ich stets eine kleine Geschichte zu erzählen mir zusätzlich vorgenommen hatte. Die Liebe an ihr Ende zu stellen, ergibt für mich einen tieferen Sinn: Sie soll weiterwirken in alle Zukunft und müsste eigentlich uns aller Leben bestimmen und alles Handeln überstrahlen. Ich schreibe «müsste», weil der besorgte Blick in die heutige Welt daran zweifeln lässt, ob dieser Wunsch jemals in Erfüllung geht.