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Martin Andreas Walser

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15. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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Jeanne Hersch, die Diskussion über den »Service public« und der Zustand der Schweiz

An Tagen wie diesen muss ich an ein langes Gespräch denken, das ich einst mit der Philosophin Jeanne Hersch führte. Ich hatte mich gefürchtet davor (mit einer Philosophin führt man ja keines der üblichen Interviews), weil ich mich ihr intellektuell unendlich unterlegen fühlte. Das Gespräch sollte mindestens eine Stunde dauern und später im damaligen »Radio Thurgau« ausgestrahlt werden. Nächtelang hatte ich mich, wie es sich gehört, darauf vorbereitet und unter anderem mehrere ihrer Bücher gelesen. Dabei war mir neben vielen sehr gescheiten Gedanken einer besonders aufgefallen, den ich im Umfeld all des Überlegenswerten als ziemlich nebensächlich empfand. Es sei eine Schande, schrieb sie nämlich sinngemäss, dass wir als reiches Volk es zuliessen, unser Fernsehen und Radio (mindestens teilweise) mit Werbung zu finanzieren, wir müssten es uns leisten (denn wir könnten es), auf diese Einnahmen zu verzichten.

Wir haben lange darüber gesprochen. Ich habe mich damals gewundert, mit welcher Intensität, mit welcher Bestimmtheit Jeanne Hersch ihren Standpunkt vertrat. So energisch wie in diesem Punkt reagierte sie bei keinem der anderen Gesprächsthemen.

Warum ich mich ausgerechnet jetzt wieder daran erinnere?

Wohl deshalb, weil nach dieser Gebührenabstimmung die »Service public«-Diskussion zum Hauptproblem der Schweiz hochstilisiert wird. Das kann ja heiter werden, wenn die Politik darüber bestimmen will, was genau dieser Service zu umfassen hat! Gewisse Positionen werden bereits sichtbar (Kunststück: vor den Wahlen!): diese nationale Radio- und Fernsehgesellschaft an sich ist bedenklich, ihre Programme sind es, das viele Geld, das sie » völlig falsch« einsetzt, alles ist je nach eigenem Standort zu links- oder zu rechtslastig, Internet gehört nicht zum Service (»das können die Privaten besser«), und so weiter und so fort. Und es wird weitergehen: all die Lobbyisten, die Vertreter aus Wirtschaft, Verbänden, von Interessengruppen und so weiter werden sich hinter den Kulissen für ihre Belange stark wollen, und die PR-Berater werden dafür zu sorgen haben, dass »das Volk glaubt«. Verlierer werden die Minderheiten sein, alle Minderheiten in diesem Land – und damit die Vielfalt.

Ich muss betonen: Ich bin wahrlich kein bekennender Fan, kein glühender, kritikloser Verehrer von SRF (was vielerorts weiterhin als SRG bezeichnet wird) und ich schalte den Fernseher nur noch vergleichsweise selten ein (generell, nicht auf die Schweizer Programme bezogen), höre jedoch gerne und zunehmend »leidenschaftlicher« Radio (nicht – mehr – die »Privaten«). Doch obwohl ich längst nicht alles gut finde, was SRF tut (und lässt): Mir graust vor dieser rein politischen »Diskussion« um den »Service public«.

Es wird darum gehen, »Geld zu sparen« und nicht etwa darum, (weiterhin) das inhaltlich beste Radio und Fernsehen zu machen, das mit den zur Verfügung stehenden Mitteln möglich ist. Da liegt es auf der Hand, was gefordert wird: Weg mit den zweiten Programmen im Radio zumindest (Kultur gleich Minderheit, »lohnt/rechnet sich nicht«), zurückfahren zum Beispiel der Aufwendungen für die italienischsprachige Schweiz (»so viel Geld für so wenig Menschen – das können wir nicht länger hinnehmen«), von der Berücksichtigung des Romanischen ganz zu schweigen, es wird rundherum »Ausgewogenheit« und in jeder Hinsicht verlangt werden, es sei SRF alles zu untersagen, wird man fordern, »was die Privaten besser können«. Diese Liste ist fast beliebig erweiterbar (so kurz vor den Wahlen ohnehin!). Das Resultat wird sein, sollten sich die Totengräber durchsetzen: dumpfer Mainstream. Und den, wenigstens den, bringen die »Privaten« wahrlich besser in den Äther und auf die Bildschirme.

(Und: Dass »Information« gratis zu sein hat, dies glauben wir. Aber wie werden wir »gratis« informiert? Und worüber genau denken jene, die Print-Medienhäuser, nämlich nach, die diesen Irrglauben mit begründet haben?)

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viel Meinungsvielfalt in den deutschen öffentlich-rechtlichen Programmen möglich ist. Ich teile jene Ansichten wahrlich nicht immer! Aber ich denke über die Standpunkte nach! Und das sollten wir doch beherrschen (oder lernen) in unserem Land der Minderheiten, der unterschiedlichen Kulturen und Sprachregionen, der Städte und der Dörfer, der Berge, der Ebenen, der direkten Demokratie! Jedoch: Wie kleingeistig, wie engstirnig sind wir geworden! Wie egoistisch! Wie intolerant! Und wie leicht lassen wir uns von jenen verführen, die das Sagen haben wollen! Jedes Hüsteln kann bereits als ungehörig empfunden werden, jedes Wort als »unausgewogen« harsche Kritik hervorrufen.

Und wir übersehen zudem geflissentlich, wie viel aufwändiger es in unserem viersprachigen Land ist, Radio und Fernsehen zu machen als anderswo (wenn aber die Werbeindustrie jammert, die Produkte seien bei uns teurer, weil sie in drei Sprachen beworben werden müssen, scheinen wir dies zu schlucken). Wir trennen uns also sukzessive davon, wofür wir uns früher rühmten: dass wir ein Land, ein Volk sind, in dem die Minderheiten ebenfalls ernst genommen werden. Dies ist von allem das Schlimmste: dass zum Schluss nur noch die vermeintliche »Mehrheit« das Sagen hat. Weg also mit allem, was wahrscheinlich oder offenkundig »nur wenige Menschen« interessieren könnte. Bloss, um »Geld zu sparen« und »Ausgewogenheit« durchzusetzen.

Wie schändlich!

Was Jeanne Hersch mit ihrer energischen Einrede gemeint hat, ist somit in meinen Augen noch viel schlimmer, als sie ahnen wollte: Die, berechtigte, Sorge geht nicht nur dahin, dereinst könnten ausschliesslich die Werbegelder unsere Programme bestimmen, sondern es könnte diese diffuse »Mehrheit« die Macht übernehmen. Wenn ich sehe, wie viel Geld und Einfluss (am liebsten im Verborgenen) jene aufzubringen und einzusetzen gewillt sind, die sich eine Mehrheit schaffen wollen, steigert sich diese Befürchtung in mir zum blanken Entsetzen vor der Zukunft.

Wir sollten den Zaun nicht zu weit machen, wurden wir einst ermahnt – aber wir sollten auch nicht zulassen, dass man unseren Geist immer mehr einengt.

 

PS: Wie sie endete, diese Begegnung mit Jeanne Hersch? Sie beschimpfte nach unserem Gespräch meinen damaligen Zeitungsverleger vor meinen Augen und Ohren massiv, weil er mich nicht zum anschliessenden Abendessen mit ihr eingeladen hatte. Dies sei (sie brauchte kräftigere Worte) absolut unanständig, sie hätte gerne »mit diesem sympathischen jungen Mann« weiter debattiert. Ich fühle mich noch heute geehrt.

14. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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»deinSein«, mein neuer Roman, erscheint noch im Juni

traeume_cover_002_front_ob_webFelix Amboden, zweiundfünfzig Jahre alt, einhundertachtundsiebzig Zentimeter groß, zweiundachtzig Kilo schwer (gestern gewogen, am frühen Morgen und vor dem Frühstück, wie immer zur exakt gleichen Zeit), unverheiratet, kinderlos. Seit »das mit Lydia« geschah, wohnt er im karg möblierten Appartement Elf D in Haus II der Siedlung »Am Bach«, einer gesichtslosen Überbauung, bestehend aus vier langgezogenen, je fünfzehn Stockwerken hohen Wohnblocks. Sie stehen just an der Stelle, wo sich einst das kleine Arbeiterhäuschen seines Großvaters befand.

Dieses Leben in der Anonymität ist ihm angenehm, er mag es, unbehelligt zu bleiben und an nichts teilhaben zu müssen, was draußen vor sich geht. Trotzdem entscheidet er sich eines Tages aus heiterem Himmel, er weiß nicht, weshalb, sich seinen Kollegen aus der Firma anzuschließen, die sich an jedem Freitag nach der Arbeit ein Feierabendbier gönnen.

Und da liegt er nun am nächsten Morgen: bequem ausgestreckt im Bett von Monique, die er im Pub kennengelernt hat. Während er die Augen noch bewusst geschlossen hält, zieht sein Leben an ihm vorbei und erinnert ihn sein innerer Vertrauter daran, was war und was eventuell nicht, was ist, was sein könnte oder ihn allenfalls erwartet.

Was aber wird sich Felix Amboden tatsächlich zeigen, wenn er die Augen endlich öffnet?

In meinen Geschichten ist nie auszuschließen, dass die Wirklichkeit von dem abweicht, was man sich darunter vorgestellt hat.

(»deinSein«, Roman, 184 Seiten, Paperback, ISBN 9-783738-612967; erhältlich ab ca. Ende Juni)

Weitere Informationen und Leseprobe hier

13. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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Vielleicht…

Aus dem Notizbuch:

»Ich könnte glücklich sein: vielleicht müsste ich es nur wollen. Zulassen. Eventuell sollte ich vermehrt oder ausschliesslich an die wenigen Dinge denken, die es ermöglichen, statt an die vielen, die es verhindern.«

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9. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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Er hat es mir schwer gemacht, dieser Felix Amboden

Ja, er hat es mir ausgesprochen schwer gemacht, dieser Felix Amboden. Verstockt war er, nicht mehr richtig leben wollte er, aber auch nicht sterben, langweilig war er, es gab nichts zu berichten über ihn, und er beabsichtigte nicht, mir etwas zu erzählen, und wenn er es trotzdem tat, dann schien mir, er flunkere, was das Zeug hielt, bloss um nichts preisgeben zu müssen von sich. Als ich ihn antraf, lag er mit geschlossenen Augen im Bett und liess sich nicht dazu bewegen, sie zu öffnen. Und das an einem Samstagmorgen. Im Bett einer Frau!

Sofern er nicht selbst das erfunden hatte.

In monatelangem Bemühen habe ich immer mehr von ihm und über ihn erfahren, ich habe nicht schlafen können wegen ihm, und es hat mich dieser Felix Amboden bis in meine Träume hinein verfolgt. Langsam, sehr langsam gelang es mir jedoch, mich seinem Sein anzunähern. Und je mehr ich über ihn nachdachte, je mehr ich in sein Leben, in sein Denken und Fühlen vordrang, desto sympathischer wurde er mir. Weil ich einiges begriff. Auch wenn ich gewisse Dinge, Gedanken, Vorkommnisse und Unterlassungen nur streifen werde, weil ich ihm versprochen habe, darüber zu schweigen, so gut es halt geht.

Zum Schluss tat es mir leid, mich ganz zu Beginn meiner Reise zu ihm auf ein bestimmtes Ende seiner Geschichte festgelegt zu haben, und ich suchte nach einem Ausweg für ihn. Für diese Geschichte. Für mich.

Es kann sich bei meinem neuen Roman deshalb nur und bestenfalls um eine »erste Annäherung an Felix« handeln (wie es im Untertitel heissen wird), dessen bin ich mir bewusst. Mein neues Buch mit seinen knapp 180 Seiten Umfang wird demnächst unter der ISBN-Nummer 9-783738-612967 im Handel erhältlich sein. Und natürlich einen Titel haben.

Doch mehr in Kürze…

(Der Roman mit dem Untertitel »Erste Annäherung an Felix« erscheint in den nächsten Wochen unter der ISBN-Nummer 9-783738-612967 als Paperback mit rund 180 Seiten sowie als E-Book).

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3. Mai 2015
von Martin Andreas Walser
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Grosse Erleichterung – beinahe Euophorie

Noch gestern schien mir, dieser Felix, Held einer Geschichte, an der ich in den letzten Wochen sehr intensiv gearbeitet habe, treibe mich zur Verzweiflung. Stets verstand er es, sich mir aus heiterem Himmel von einer völlig anderen Seite zu zeigen; er durchkreuzte damit alle meine Absichten, mich ihm anzunähern, und er liess mich zudem zunehmend befürchten, er könnte mich allenfalls mit allem in die Irre führen, was er scheinbar von sich preisgab, ja: mich in sehr zentralen Fragen schlicht zu belügen und damit alles immer wieder in Frage zu stellen, was ihn betraf.

Dies habe ich zuvor wahrlich noch nie erlebt: dass sich ein Held dermassen und nachgerade boshaft dagegen zur Wehr setzt, sich von mir fassen oder ihn wenigstens annähernd verstehen zu lassen! Ein überaus renitenter Kerl, muss ich sagen.

Völlig überraschend und im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht hat er seinen Widerstand aufgegeben und ich am heutigen Sonntag die letzten Seiten dieser, seiner, Geschichte – endlich, endlich, endlich! – zu Ende schreiben können. Und nun, die vorläufige Endfassung des Manuskripts liegt vor mir, wage ich gar zu behaupten: diese Geschichte wird keiner allzu grossen Retuschen mehr bedürfen, sie ist, nach über einem Jahr des Nachdenkens, des Skizzierens, des Schreibens, des Scheiterns und des Neubeginns oder gerade deswegen weiter fortgeschritten als viele andere zuvor, die mir ungleich leichter von der Hand flossen.

Ich bin glücklich, ich bin beinahe euphorisch!

Mit der Veröffentlichung ist noch im ersten Halbjahr 2015 zu rechnen.

19. März 2015
von Martin Andreas Walser
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Auf dem Planetenweg

… und als ich diesen Planetenweg entlang ging, ich war gerade beim Mars (oder war es die Venus?) vorbeigekommen und ein warmes Frühlingssonnenlicht begleitete mich, da dachte ich: Was wäre, würde ich einfach weiter und immer weiter gehen und nie aufhören zu gehen, solange mich die Füsse trügen? Unterwegs würde ich meine Ausweise wegwerfen, damit mich, wäre ich eines Tages (oder lieber in einer sternenklaren Nacht) am Wegrand zusammengebrochen und gestorben, niemand identifizieren könnte, denn ich würde verhindern wollen, dass jemand um mich trauert (oder sich gezwungen sehen könnte, Trauer zu heucheln). Ich würde neben diesem letzten Wegstück in einem Graben liegen. Oder auf dem Feld oder unter den Bäumen im Moos links oder rechts des vielleicht schmalen Pfades. Jedenfalls würde ich in den Himmel hinaufsehen in diesem Moment und mich daran erinnern wollen, was gewesen war. Ich würde mich noch ein letztes Mal erfreuen an dem, wovon ich glaube, dass es mir gelungen ist, während gleichzeitig alles von mir abfiele, was ich nur allzu oft als Last empfand. Und dann würde ich die Augen schliessen und mein letzter Gedanke wäre: Hoffentlich zeigt sich auf meinem toten Gesicht ein Lächeln!

… und dann war der Planetenweg zu Ende und ich mir noch immer nicht schlüssig, ob ich nun tatsächlich einfach weitergehen sollte und wollte, weiter und immer weiter. Also liess ich es (und schwor mir: nur fürs Erste!) und ordnete mich wieder in das normale Leben rund um mich herum ein …

31. Dezember 2014
von Martin Andreas Walser
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Das Neujahr, das auf Silvester fiel

Da saßen wir also alle zusammen und feierten den letzten Tag des Jahres und – die Uhr zeigte es an – waren nur noch wenige Minuten davon entfernt, das neue Jahr begießen, pardon: begrüßen zu dürfen. Natürlich war die Stimmung ausgelassen und das Bier noch nicht alle. Peter war stolz auf den russischen Import-Wodka, den er extra gekauft hatte, gleichzeitig aber besorgt, da die Flasche schon fast leer war. Es sei auch noch Wein da, rechtfertigte er sich überflüssigerweise, und dabei handle es sich ebenfalls um einen ganz besonderen Tropfen, denn er komme von weit her, aus Deutschland.

Die ausgeräumte Garage war mit Papierschlangen und manchem mehr geschmückt, Opa stand seit Stunden draußen am Grill, wir saßen fast ebenso lange essend und trinkend drinnen in seinem Reich. Und irgendwo waren die Kinder mit dem Spielzeug beschäftigt, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatten.

Unbeschwert wollten wir diesen letzten Tag im Jahr genießen, fröhlich und heiter. Nur der kleine Benjamin hatte kurz die Stimmung getrübt, als er ungewollt die ebenfalls anwesende alte englische Lady von nebenan maßlos erschütterte. »Bamm«, hatte er fröhlich geschrien, als er auf den mit Pampers gepolsterten Hintern geplumpst war, was Lady Gladys natürlich wesentlich vulgärer interpretierte als wir deutschsprachigen Eltern. Geschockt und kreidebleich im Gesicht, saß sie plötzlich noch steifer im Ehrenstuhl, und der Sherry in ihrem Gläschen, das sie bislang derart würdevoll gehalten hatte, wie es die Queen nicht besser gekonnt hätte, schwappte über. Die so sehr auf Etikette bedachte Lady, die noch Königin Victoria wenn nicht persönlich, so doch aus vorbeiziehender Paradennähe gekannt hatte, ließ sich indessen beruhigen. Sie überwand den Schock umso rascher, da man ihr das schlanke Kristall sofort wieder füllte, als sie es uns – eher weniger ladylike – mit einer ruckartigen, raschen Vorwärtsbewegung ihrer zierlichen Hand herausfordernd und Hilfe erheischend hinstreckte.

Alle waren wir also wieder fröhlich gestimmt, heiter und nach den unterschiedlichen Möglichkeiten, den uns der anerzogene Spielraum gewährte, sogar ausgelassen. Die Zungen wurden mit zunehmender Dauer der Feier etwas schwerer, die Lacher etwas spitzer und lauter. Peter war es schließlich, der das lockere Geplauder in der geräumigen, normalerweise zwei Autos beherbergenden Garage mit der Werkbank an der einen und den zur Seite geschichteten Ersatzreifen für den »Falcon« an der gegenüberliegenden Wand in andere Bahnen lenkte. Ohne Absicht natürlich, dreiundzwanzig Minuten vor Mitternacht. Mit einer simplen Frage: »Telefonierst du«, sprach er mich nach längerem Nachdenken mit unschuldig blauen, bedächtig glasiger werdenden Augen an, »jetzt dann gleich nach Hause, um deiner Mutter ein gutes neues Jahr zu wünschen?«

Die Frage mag auf den ersten Blick absolut berechtigt und schon gar nicht ungewöhnlich erscheinen, also gerieten die Gespräche darob vorerst nicht einmal ins Stocken. Es ist jedem Menschen ja völlig und sofort klar, zu welchem Zeitpunkt ein neues Jahr beginnt. Genau um Mitternacht oder dem Bruchteil einer Sekunde danach. Und Mitternacht ist definiert; sie ist auf exakt 24.00 oder 00.00 Uhr festgelegt, kein Problem und kein Spielraum für Interpretationen. Allerdings, und eben darob gerieten wir ins Grübeln und hätten wir schließlich beinahe den entscheidenden Sprung des Sekundenzeigers verpasst, existiert für Anfang und Ende eines Jahres entgegen unserer Wahrnehmung keineswegs ein weltweiter Standard.

Ich war also durchaus stolz, mit meiner Entgegnung trotz fortgeschrittener Feierstunde intellektuelle Schärfe zu beweisen: »Was soll ich denn meiner Mutter mitten am Nachmittag ein gutes neues Jahr wünschen?« Diese Antwort brachte mein Gegenüber etwas aus der Fassung. »In einundzwanzig Minuten beginnt das neue Jahr«, beharrte er nach einem neuerlichen Blick auf seine Armbanduhr auf seiner Sicht des Weltenlaufs, und alle anderen am Tisch bekräftigten diese unumstößliche, allgemeingültige Tatsache. Man hätte sich ja nicht, oder zumindest nicht aus diesem Grund, zu einer Party eingefunden, hätte es nicht genau dies zu feiern gegeben: den Jahreswechsel. Und das neue Jahr – diesbezüglich wurde keine Widerrede geduldet – hatte überall auf dem Erdball exakt zur gleichen Zeit zu beginnen: beim beherzten Sprung des Zeigers von Mitternacht in den 1. Januar. »Das wäre ja noch schöner«, meldete sich jemand von unten am langen Tisch, »würden andere noch im letzten Jahr und wir schon im neuen leben. Unvorstellbar!«

Opa, mit einer weiteren Ladung gegrillten Fleisches in die Runde tretend, legte die Stirn in Falten. Und Oma nickte bedächtig. Noch in Deutschland geboren, wussten sie, wovon ich sprach. »Wer will noch ein Steak?«, rief Opa vorerst, während sich der Blick des zwölfjährigen Matthew verklärte. Er liebte Science-Fiction-Geschichten und war mit den anderen Kindern zurück in die Garage gekommen: »Wenn nicht überall auf der Welt das neue Jahr in exakt derselben Sekunde beginnt, dann sind ja Zeitreisen möglich.« Nicht mit »cool« mischte sich sein kleiner Neffe Alan ein – denn dieser Gebrauch des Wortes war noch nicht erfunden –, also freute sich der Kleine mit einem hellen »Super«: »Dann kann ich künftig mit einem ultraschnellen Flugzeug überall auf der Welt die Weihnachtsgeschenke persönlich abholen und bin zum zweiten Weihnachtstag wieder zurück.« Wir alle wiederum hätten uns sofort nur schon deshalb mit in dieses Flugzeug gesetzt, um auf dieser Reise mehrfach Silvester feiern zu können. »Wo führt das hin«, sinnierte hingegen Bernd, allerdings mit Schalk im Blick, »wenn wir auf dieser Welt nicht einmal mehr sicher sein können, dass das Neujahr nicht auf Silvester fällt?«

Das alles spiele doch gar keine Rolle, ereiferte sich endlich Opa: »Wir feiern hier und jetzt und damit basta. Schließlich leben wir hier und nicht in jenem Teil der Welt, der offensichtlich weniger fortschrittlich ist. Happy New Year!« Womit er den Nagel auf den Kopf traf und wir daran gingen, den deutschen Wein zu entkorken.

Ich rief meine Mutter natürlich an. Sie freute sich außerordentlich: Eben hatte es Mitternacht geschlagen von der katholischen Kirche, deren Glocken sie bei geöffnetem Küchenfenster hörte.

Ob ich sie auf den Arm nehmen wolle, begehrte sie zu wissen. Mitnichten, gab ich zurück. Auf ihre Frage, ob wir schön feierten, hatte ich doch bloß wahrheitsgemäß geantwortet, ich hätte eben Honig auf das Brot gestrichen und den ersten Frühstückskaffee zu mir genommen. Sie murmelte etwas wie »komische Sitten«, dieweil Opa vor sich hin knurrte, als wir uns später im Fernsehen das Neujahrskonzert der Wiener Symphoniker ansahen: »Ein genügend schnelles Fluggerät vorausgesetzt, könnten wir jetzt nach Wien fliegen, um nach dieser Konserve vom letztjährigen das aktuelle Neujahrskonzert live zu genießen.«

Denn dieses hatte an diesem australischen Neujahrstag noch nicht einmal begonnen – drüben in Europa, das eben erst daran war, das neue Jahr willkommen zu heißen.

(Aus: »Zwischenhalt«, Notizen, Gedanken, Texte, 2013, 108 Seiten, Paperback, ISBN 9-783732-244928)

24. Dezember 2014
von Martin Andreas Walser
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Ich würde mir wünschen…

Ich wünschte mir, es wäre wenigstens umgekehrt: höchstens zwei Tage im Jahr die schreckliche, böse, hinterhältige, mörderische, schlimme Welt – und für den Rest des Jahres Friede, Einkehr und Besinnlichkeit, die wir uns nun für diese zwei Weihnachtstage wünschen. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

19. Dezember 2014
von Martin Andreas Walser
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Das Leben danach

Man mag sagen, es gebe kein Leben danach. Das Leben an sich aber existiert.

(Gibt es kein Leben danach, sollten wir das Leben an sich so gestalten, dass für jene, die uns nachfolgen, das Nichtleben danach nicht beginnt, bevor sie in das Leben an sich eingetreten sind.)

11. Dezember 2014
von Martin Andreas Walser
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Leben halt

Ein schwieriges Jahr liegt – beinahe – hinter mir.

Ich weiss nicht, wie andere Menschen damit umgehen. Ich jedenfalls habe nicht nur versucht, den Kopf über Wasser zu halten, sondern vielmehr (wie schon so oft): aus mir herauszutreten, mich neben mich hinzustellen, um mich zu fragen: Was fehlt? Was musst du ändern?

Zwei Antworten: Ich benötige Sonne und Licht und Wärme – und Menschen »aus Fleisch und Blut« möglichst oft und regelmässig und immer wieder.

Die tage- und nächtelangen Diskussionen von damals fehlten mir»nicht immer, aber immer öfter«.

Eigentlich: das Leben halt.