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Martin Andreas Walser

27. Juli 2016
von Martin Andreas Walser
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Meine neue Erzählung ist erschienen

cover_bruecke_vorn_384Eine Liebesgeschichte? Bloß ein Traum? »Ein Sommerflimmern« nenne ich mein jüngstes, mein 16. Werk mit dem Titel »Ausblick auf ein Plateau, an dessen äußerstem Rand drei Bäume, eine Sitzbank und ein ehemaliger Stall stehen könnten«, das im Juli 2016 erschienen ist. In dieser kleinen Geschichte spiele ich erneut mit einem meiner Lieblingsmotive: Dass alles, was sich scheinbar ereignet, auch ganz anders gewesen sein könnte. Mein Held beobachtet zwei Personen auf einem Plateau hoch über dem Meer, die sich einander langsam zu nähern scheinen, beobachtet von einem weiteren Wanderer, dessen Weg ihn, weg vom belebten Strand auf der Ferieninsel, hier hinaufgeführt hat. Am Abend an der Hotelbar wird über das merkwürdige Zusammentreffen gerätselt. Doch da ist auch noch Max, der Menschen beobachtet und sich deren mögliche Lebensgeschichten ausdenkt. Was also hat sich wer bloß ausgedacht, was hat sich tatsächlich ereignet?

Was soll ich über eine Geschichte berichten, die sich zeitlich zwischen die – mühselige und weiterhin andauernde – Arbeit an meinem »Kassandra-Stoff« und die Vollendung eines der abschließenden Bearbeitung harrenden Romans geschlichen hat, den ich zu Beginn des Jahres 2016 auf Lanzarote praktisch ohne abzusetzen niedergeschrieben habe (Arbeitstitel: »Die Brücke«)?

Sie war eines Morgens oder eines Abends oder mitten in der Nacht, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern, obwohl dies erst wenige Monate zurückliegt, als ich mich in meiner »Schreibwerkstatt« in Broglio aufhielt, plötzlich da gewesen, aus dem Nichts aufgetaucht. Auf leisen Sohlen hatte sie sich herangeschlichen, sich vor mich hingestellt und geflüstert: »Hier bin ich, vom Anfang bis zum Ende, Zeit, mich niederzuschreiben.«

»Ausblick auf ein Plateau, an dessen äußerstem Rand drei Bäume, eine Sitzbank und ein ehemaliger Stall stehen könnten«, die Geschichte, die ich im Untertitel »Ein Sommerflimmern« nenne, geht auf eine Wanderung zurück, die ich im Sommer 2007 auf Mallorca unternommen hatte.

Ich war alleine unterwegs und wollte mich eigentlich bloß für ungefähr eine Stunde die nähere, menschenleere Umgebung unseres Hotels ansehen und an einem schönen Punkt die Aussicht auf das Meer genießen und hatte also lediglich eine Flasche mit Wasser und den Fotoapparat dabei (die Geschichte dieser Wanderung und ihr glückliches Ende tief in der Nacht ergäbe ein eigenes Buch).

Das Plateau war mir in Erinnerung geblieben (fast) so, wie ich es in meiner Geschichte beschreibe. Erst, als ich den Text vollendet hatte und die Fotos von jenem Tag durchsah, erkannte ich, dass in Tat und Wahrheit alles anders gewesen war. Und dies ist denn, einmal mehr, auch das Grundmotiv dieser jüngsten Erzählung: Dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte…

(ISBN 978-3-7412-0895-9, auch als E-Book erhältlich)

13. Mai 2016
von Martin Andreas Walser
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Ausblick auf ein Plateau, an dessen äusserstem Rand sich drei Bäume, eine Sitzbank und ein ehemaliger Stall befinden könnten

»Ein Sommerflimmern« nenne ich im Untertitel meine neueste Geschichte, die nun zur Publikation bereitliegt. Sie berichtet vom »Ausblick auf ein Plateau, an dessen äußerstem Rand sich drei Bäume, eine Sitzbank und ein ehemaliger Stall befinden könnten.« Eine kleine Geschichte, die in den vergangenen Monaten entstanden ist, während ich mich mit anderen Texten befasste, mit denen ich eher zögerlich vorankomme, und in der ich mich einmal mehr einem meiner Lieblingsgedanken widme: Dass alles ganz anders sein könnte, als es sich darstellt. Lassen Sie sich überraschen! Die Veröffentlichung ist für Ende Mai/die erste Juni-Hälfte vorgesehen.

7. Oktober 2015
von Martin Andreas Walser
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«Ein Interview mit einem Selfpublisher der besonderen Güte»

Sabine Ibing hat für eine Seite auf Facebook dieser Tage ein Interview mit mir geführt, das heute (7. Oktober 2015) publiziert worden ist. Hier der Text:

Heute ein Interview aus der Schweiz mit einem Selfpublisher der besonderen Güte. Martin Andreas Walser wurde 1952 in Zürich geboren. Er wuchs in Winterthur auf. Seit über 30 Jahren lebt er mit seiner Familie bei Kreuzlingen am Bodensee und seit 2012 zeitweise in Broglio TI.

Martin Walser vom Bodensee, aber der auf der anderen Seite der Grenze, in der Schweiz, nicht Konstanz, sondern Kreuzlingen. Wie hilfreich war dir der berühmte Namensvetter und hat man euch schon mal verwechselt?

Verwechslungen kommen immer wieder einmal vor, zumal der Schweizer (Journalist) Martin Walser auch in Konstanz kein gänzlich Unbekannter war, unter anderem, weil ich für den ֿ«Südkurier» schrieb und als Theaterkritiker für Schweizer Zeitungen während Jahren das Stadttheater Konstanz begleitete. Nach der Aufführung von Martin Walsers «Zimmerschlacht» hat mich eine Leserin angerufen: «Dass Sie für meine Zeitung schreiben, freut mich. Dass Sie auch Bücher schreiben, habe ich zur Kenntnis genommen. Aber dass Sie die eigenen Theaterstücke auch gleich noch selber besprechen, das geht zu weit.» Es gäbe eine ganze Reihe solcher Anekdoten. Hilfreich? Vielleicht in den Anfangszeiten von Facebook. Da kam ich mit zahlreichen nachmaligen Freunden vermutlich des Namens wegen in Kontakt, obwohl ich nichts unterlasse, um Verwechslungen möglichst auszuschließen.

Du hast schon für die Schülerzeitung geschrieben. Kramst du manchmal in alten Texten und musst du dabei schmunzeln? Hast du deine Art zu Schreiben in den langen Jahren verändert? Ist sie reduzierter, härter oder weicher geworden?

Für mich stand schon sehr früh fest, dass ich im späteren Leben «etwas mit Sprache» tun wollte. Schriftsteller oder Schauspieler wollte ich werden. Beides hat zu Hause keine große Begeisterung ausgelöst… Also bin ich Journalist geworden. Schon in der Sekundarschule habe ich eine eigene Schülerzeitung herausgegeben, wenig später die ersten Artikel für die Lokalzeitung geschrieben. Natürlich hat sich die Art des Schreibens mit den Jahren und Jahrzehnten verändert. Weiter entwickelt, hoffe ich. Geblieben ist: Ich spiele gerne mit der Sprache, experimentiere, probiere Neues aus. Es gibt durchaus kleine Texte aus der Schulzeit, die genau dies belegen.

Du sagst, du möchtest dich nicht mit deinen Büchern an einen Verlag binden. Du hast doch selbst einen Verlag geleitet. Zitat: »Nicht im Dienste fremder Herren und mit vielerlei Scheren im Kopf will ich unabhängig und selbstbestimmt sein.« Warum? Und warum BoD und nicht ganz selbstständig.

Ja, zum Schluss meiner beruflichen Tätigkeit war ich Leiter eines Verlags. Allerdings eines Verlags, der im Wesentlichen zwei Fachzeitschriften herausbrachte. Hier habe ich meine journalistischen, fotografischen und die früher in einer ähnlichen Position erworbenen ökonomischen Kenntnisse einbringen können. Mit meinem Hobby hatte das nichts zu tun. Aber richtig ist natürlich: Ich wollte meine eigenen Geschichten dann und in jener Form herausbringen, die mir zusagt und mir nicht von allen möglichen Menschen «dreinreden» lassen. Bei allen Risiken, die diese Form des Publizierens birgt. BoD ist selbständig: Ich bestimme, was ich wann veröffentliche – der Verlag sorgt dafür, dass meine Bücher und E-Books überall (auf Bestellung) erhältlich sind. Dies hat viele Vorteile. Es werden keine Bücher gedruckt, die irgendwann eingestampft werden müssen, wenn sie nicht verkauft werden, ich bin für den Text, die Gestaltung (aber auch alle Fehler) selber verantwortlich. Und müsste, dessen bin ich mir bewusst, für die Vermarktung eigentlich mehr tun. Aber mich selber loben und anpreisen – das liegt mir weniger.

Musik ist Teil deines Lebens, was bedeutet sie dir?

Lesen und Musik hören gehört seit meiner Jugend zusammen. Damals habe ich in diversen Bands gespielt (als sehr mäßiger Keyboarder). Schallplatten/CDs, jetzt legale Downloads und Bücher halten sich zahlenmäßig wohl ungefähr in der Schwebe, je in einem hohen Tausenderbereich … Ein Leben ohne Musik ist für mich ebenso wenig vorstellbar wie ein Leben ohne Bücher.

Du hast deine zweite Heimat im Tessin. Erkläre uns den Unterschied. Der Bodensee ist doch eine wunderschöne Gegend zum Leben. Nebenbei, ich liebe deine Zugerlebnisse, die du von unterwegs beim Pendeln schreibst.

Zum Tessin bin ich eher zufällig gekommen. Eigentlich hatte ich für diesen Lebensabschnitt von einer Wohnung oder einem Haus in Portugal, vorzugsweise in Lissabon, geträumt. Ich suchte eine Schreibstube, wo ich ungestört arbeiten kann. Zufällig habe ich dieses alte, über 400 Jahre alte Haus im Maggiatal entdeckt, das alles bietet, wonach ich suchte. Beschrieben habe ich diese Liebe auf den ersten Blick in «Vallemaggia». Ich liebe den Bodensee und überhaupt den Thurgau. Hier bin ich seit über 40 Jahren zu Hause. Aber ich liebe auch dieses wilde, ruhige Tal im und das Tessin überhaupt. Und benötige zwischendurch «Stadtluft». Lissabon, London, Paris und Barcelona sind meine Lieblingsstädte – und Winterthur, wo ich aufgewachsen bin.

In «Wiederkehr» sinniert Thomas Wiederkehr, was er nach der Pensionierung tun wird und will. Er ist ein ruhiger Bursche, in sich gekehrt, ein wenig kauzig. Wie viel Autobiografisches hat Thomas von Martin erhalten?

Thomas Wiederkehr hat wenig gemeinsam mit mir. Natürlich steckt gleichwohl in jeder Geschichte etwas von mir drin. Diese Geschichte geht auf eine Erzählung zurück, die ich vor über 40 Jahren zu schreiben begann. Sie war mir zu schwülstig, zu sentimental. Immer wieder habe ich versucht, etwas aus jener Idee zu machen. Entstanden sind auf diesem Weg «SehnSucht», «Am See» und «Jakob, der Hausdiener», bevor ich mit «Wiederkehr» jene Geschichte aus meinen jungen Jahren gewissermaßen mit einem Helden erzählen konnte, der mit mir älter geworden ist.

«deinSein» ist dein jüngstes Buch. Auch hier finden wir wieder einen älteren verschlossenen Protagonisten, eigenbrötlerisch. Er blickt zurück auf sein Leben. Was erlebt er hier? Was möchtest du uns dazu erzählen?

Ursprünglich wollte ich eine Geschichte schreiben über die wenigen Sekunden beim Aufwachen nach einer Liebesnacht: Man hat jemanden kennengelernt, hat miteinander geschlafen und erwacht nun einigermaßen erschöpft, aber doch erfrischt, da glücklich. In diesen wenigen Sekunden, bis man die Augen öffnet, denkt man an so vieles. Aus dieser Idee hat sich über Monate der Roman «deinSein» entwickelt. Es war auch für mich eine Annäherung an diesen Felix Amboden, der mir zu Beginn völlig fremd war; Schicht um Schicht habe ich mich in sein Sein vorgetastet. «DeinSein» hat somit eine doppelte Bedeutung. Ich habe das Sein von Felix Amboden zu ergründen versucht, und gleichzeitig denkt der Protagonist darüber nach, was auf diese Nacht folgen wird – ob er  zu Monika sagen soll also: «Ich möchte dein sein.»

Wann erscheint dein neues Buch und was kannst du uns darüber verraten? Gibt es Lesetouren in der nächsten Zeit? Wo finden wir die Termine?

Mein nächstes Buch dürfte irgendwann 2016 erscheinen. Derzeit verfolge ich verschiedene Ideen. Am weitesten fortgeschritten scheint mir eine Geschichte zu sein, der die griechische Geschichte von Kassandra, der Seherin, zugrunde liegt. Allerdings verwende ich das Motiv in sehr freier Form. Ob und wann daraus etwas wird oder ob ich doch zuerst einen anderen Text vollende und publiziere, steht in den Sternen. Vielleicht bringen die bevorstehenden Tage in Lissabon mich weiter. Dort habe ich, über 40 Jahre, nachdem ich mir vorgenommen hatte, ein Buch zu schreiben, meinen ersten Roman verfasst und vollendet («Vom Leben»).

Lesetouren sind derzeit nicht geplant; ich las bisher sehr selten. Irgendwie denke ich immer, die Brosamen, die ich auftischen kann, würden den Geschichten nicht gerecht. Wenn sich aber etwas ergäbe, würde man die Termine zu gegebener Zeit auf meiner Homepage finden (www.martinwalser.ch), sie würden aber auch in den sozialen Netzwerken publiziert.

Ich danke dir, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten.

Sabine Ibing: www.sabine-ibing.ch

Sabine Ibing auf Facebook: Sabine Ibing

 

28. August 2015
von Martin Andreas Walser
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Kassandras Ruf – ein Zwischenhalt

Jede Geschichte, die ich schreibe, führt zur nächsten, die vorhergehende bedingt die folgende oder fördert sie zutage, habe ich gelernt zu spüren und zu fühlen. Oder verhindert sie. Nicht in dem Sinne, dass das danach zu Schreibende und zu Sagende gänzlich verunmöglicht würde, sondern: dass mit dem Nachfolgenden unter Umständen einige Zwischenhalte ausgelassen bleiben, über die zu berichten durchaus ebenfalls reizvoll gewesen wäre. So bin ich, nach und mit »deinSein«, auf Kassandra gestossen.

Sie war da. Aus dem Nichts aufgetaucht. Sie erschien mir, ohne dass ich mir zu diesem Zeitpunkt in der noch nicht allzu fernen Vergangenheit überhaupt bewusst war, worauf ich mich einlassen würde.

Kassandra nahm Gestalt an, weil dieser Felix Amboden in »deinSein« sich beharrlich weigerte, sich über den eigentlichen Grund für seine Trennung von Lydia zu äussern. Als ich mich eingehender damit beschäftigte, weshalb er davor zurückschreckte, und damit ich, der Erzähler, wurde mir in der Abgeschiedenheit meiner Tessiner Schreibstube, die zunehmend zum Studier- und Denkrefugium wird, bald einmal klar, dass sich mit ihm mein bisheriger Blick auf das Schicksal des Einzelnen verabschiedet haben könnte, der mich bislang beschäftigt und bewegt hatte.

Dass es somit diesmal nicht um ein Einzel-, sondern um ein kollektives Schicksal ginge, das nicht bloss zu beschreiben und auszubreiten wäre, sondern das es zu beweinen geben könnte.

Und dass die bislang nie versiegte Hoffnung auf eine glückliche Fügung allenfalls ausbleiben könnte.

Kassandra mag mir nicht ohne Grund erschienen sein

Kassandra mag mir nicht ohne Grund erschienen sein. Ein Blick auf die jüngsten Ereignisse könnte vielmehr zum Schluss verleiten, dies läge auf der Hand: Kassandra sei im Zusammenhang mit dem jüngsten Kapitel der griechischen Tragödie (wieder) in mein Bewusstsein getreten.

Mich allerdings hat ihr spontanes Erscheinen überrascht, ja, völlig unvorbereitet getroffen, nachdem ich in meiner Schulzeit, was ausser mir kaum jemand weiss, der griechischen Mythologie ziemlich abweisend, um nicht zu sagen: desinteressiert, gegenübergestanden hatte (und wohl, trügt mich die Erinnerung nicht, auch ein wenig ratlos). Es sei dies gebeichtet – und auch jenes: dass mich diese Figur nicht zuletzt zum Werk von Christa Wolf hinführte, von dem ich bislang ziemlich unberührt geblieben war.

Mein Wille, mein Bemühen allein wird diesmal nicht genügen

Trotz der Erfahrung der letzten Jahre, dass alles, was ich jeweils einer abgeschlossenen Geschichte folgen lassen will, sich als noch schwieriger zu realisieren erweist als das Vorangegangene, habe ich mich gleichwohl mit grosser Begeisterung und voller Hoffnung und Zuversicht kopfüber in die Arbeit gestürzt, zumal das Feuer, das ich spürte, dem Drang, der Überzeugung entsprang, das Motiv des Sehens in das Zentrum einer nächsten Geschichte stellen zu wollen – nachgerade: zu MÜSSEN.

Skizzen, einzelne Kapitel entworfen hatte ich schnell, sie überarbeitet, und, was sich dabei ansammelte bis hierhin, also noch in den ersten Wochen oder nunmehr Monaten der Beschäftigung mit dem Thema steckend, bereits mehrmals über den Haufen geworfen, neu geordnet, ergänzt, gestrichen oder für eine allfällige »spätere Verwendung« beiseitegespeichert.

Und habe schnell gemerkt: mein Wille, mein Bemühen allein wird diesmal nicht genügen. Nicht, weil ich in mir die Absicht getragen hätte, Kassandra, ihre Person, ihr Leben, ihre Bedeutung, ihr Scheitern nachzuzeichnen und alleine deshalb langwierige und detaillierte Studien und Recherchen zur griechischen Geschichte und Mythologie unabdingbar wären.

Sondern weil mich die Thematik »Sehen«, der Umstand, dass die daraus resultierende Erkenntnis nicht gehört wird, nicht gehört werden will, ja: dass die »sehende« Person gedemütigt, verfolgt, versklavt, getötet wird, einer vertieften Betrachtung ruft. Was einschliesst, zum Beispiel, nachzulesen, zu welchen Überlegungen und Gedanken und Folgerungen dies bei jenen vor mir geführt hat, die sich mit Kassandra beschäftigten.

Man mag dies trotzdem Recherche nennen, doch geht das Forschen viel weiter, denn es schliesst das Erforschen des eigenen Denkens sowohl ein, als auch die Reflexion über das dem Denken Entsprungene, das ich lese. Und die Überlegungen setzen nicht erst bei der Frage ein, was geschähe, würde die »sehende« Person ihre Ängste, Befürchtungen, ihre Erkenntnisse öffentlich machen wollen.

Wie wir auf Schwarz oder Weiss getrimmt werden

Am Beispiel dieses Jahres und seiner Ereignisse stellt sich vielmehr die Beklemmung, das Entsetzen bereits ein, führt man sich vor Augen (denn diesmal geschah dies ganz offen und unverblümt), wie wir auf Schwarz oder Weiss getrimmt werden sollten (oder, die grässlichste der Ängste: wurden), und wie bereits geschrien und getobt wird, soll noch nicht einmal ausgeführt werden, wohin, wie man glaubt, erkannt zu haben, das führt, sondern sich lediglich auf Grauabstufungen zwischen den Polen einigen will – oder sich wünscht, dass alle oder viele oder doch wenigstens einige Mitmenschen ihr Denkvermögen nutzen.

Und man könnte sich fragen, ob es überhaupt noch einen Sinn macht, dem etwas entgegensetzen zu wollen. Christa Wolf, noch zu Zeiten des Kalten Krieges und mit Blick auf das Wettrüsten in Ost und West, sagte 1982 in der dritten ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen, was man durchaus als eine Art Antwort auf die obige Frage lesen kann: »Sich den wirklichen Zustand der Welt vor Augen zu halten, ist psychisch unerträglich. In rasender Eile (…) verfällt die Schreibmotivation, jede Hoffnung, „etwas zu bewirken“. Wem soll man sagen, dass es die moderne Industriegesellschaft, Götze und Fetisch aller Regierungen, in ihrer absurden Ausprägung selber ist, die sich gegen ihre Erbauer, Nutzer und Verteidiger richtet: Wer könnte das ändern.«

Doch umgekehrt und irgendwie tröstlich (in derselben Vorlesung): »Schreiben ist auch ein Versuch gegen die Kälte.«

Ob Hoffnung besteht

Und es stellt sich mir sehr energisch die Frage, ob Hoffnung besteht, sie spüre ich trotz aller Besorgnis, sehr schüchtern indessen, aufkeimen, »meine« Kassandra könnte dem scheinbar sicheren Tod entgehen – und gehört werden. Nur dadurch, denke ich, bestünde eine langfristig wirkende Hoffnung für diese Welt: Lernten wir endlich wieder hören, statt, angetrieben von Vorurteilen, von Angst und Hass durchdrungen und von all den falschen Propheten beeinflusst, die uns ständig eine rosa Brille aufzusetzen versuchen, die Ohren zu verschliessen, zu verhöhnen, zu verurteilen, zu töten.

(Zitate aus: »Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Frankfurter Poetik-Vorlesungen«, suhrkamp taschenbuch 4053)

6. August 2015
von Martin Andreas Walser
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Da draussen wird wieder marschiert!

Hörst du das?, in den Raum gewispert, der Staub tanzte im wenigen Sonnenlicht, das durch das undichte, schmutzige Fenster drang: Hörst du das? Aus dem Bett geschnellt mitten im Akt, ans Fenster geeilt, den Vorhang vorsichtig zur Seite gedrückt, um hinaussehen zu können: Sie marschieren wieder! Da draussen wird wieder marschiert. Wie ehedem.

Siehst du sie?, fragte ich und bewunderte, während ich mich auf den Rücken gedreht und das Kissen in den Nacken geschoben hatte, Kassandras nackten Körper. Wie lange hatte ich mich nach diesem Moment gesehnt! Und nun das! Ihr schulterlanges, dunkles Haar schwang hin und her, als sie den Kopf schüttelte: Nein, aber ich höre es! Hörst du es denn nicht auch?

Ich verneinte: Komm wieder ins Bett, lass uns das Leben und die Liebe geniessen.

Dazu, wandte sie sich mir zu, ist jetzt keine Zeit. Kassandra eilte zum verschlissenen Sofa, auf dem unsere Kleider in einem wirren Haufen lagen und begann sich anzuziehen.

Was tust du da?

Ich muss weg, wir müssen weg! Sofort! Wir müssen sie warnen!

Wen?

Die Menschen! Alle!

Sie existiert nicht, die Bedrohung, versuchte ich sie zu beschwichtigen.

Doch es half nichts. Rasch! Sie warf mir meine Hose, mein Hemd zu: Beeile dich! Sie kommen näher und näher. Und fuhr fort, als ich mich noch immer nicht rührte: Erkennst du sie denn nicht, die Gefahr? Oh, natürlich, du hast sie ebenfalls genossen, die Droge, mit der sie uns ruhig gestellt haben. Sie heisst Vergnügen, Spass, Konsum, was immer du willst: Brot und Spiele, die gefährlichste Droge, die existiert! Erwache aus deinem Rausch! Bevor es zu spät ist!

*

Wir sollten das melden, sagte der dünne Jüngere zum dickeren Älteren. Sie hatten gebannt auf den Bildschirm gestarrt. Verständlich: die junge Frau, von der sie bloss wussten, dass sie Kassandra hiess, war wunderschön. Und sie war nackt. Und sie und der Mann, von dem sie noch nicht einmal den Namen kannten, waren eben noch in ein heisses Liebesspiel vertieft gewesen. Die Situation ist derart klar und eindeutig, wie sie im Lehrbuch steht: staatsfeindliche Umtriebe, die Vorbereitung eines Aufstands, eine Keimzelle des Terrors gegen unser Land, unsere Regierung, unsere Werte. Der Ältere nickte und griff zum Telefon.

*

Ich glaubte ihr nicht, sagte er, und ich schäme mich. Verstehst du? Mein Gewissen. Es lässt mich nicht zur Ruhe kommen: Wäre alles anders gekommen, hätte ich ihr geglaubt?

Niemand weiss, versuchte ich ihn zu trösten, ob sich das Unglück hätte abwenden lassen.

Doch, beharrte er, doch: Jemand hätte damit beginnen müssen: Mut zu zeigen, die Stimme zu erheben.

(Aus einer noch namenlosen, unvollendeten Geschichte; (c) 2015, Martin Andreas Walser)

13. Juli 2015
von Martin Andreas Walser
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Allenfalls tatsächlich nur eine erste Annäherung

traeume_cover_002_front_ob_webDas war es, was es mir so außerordentlich schwer machte (nun gut, mag man behaupten, dies sagt sich im Nachhinein leicht, und argwöhnen, da wolle einer nur von der aktuellen Situation profitieren und seinem jüngsten, den er eventuell als einen mittelmäßigen Text empfinde, die ihm abgehende Schärfe und Tiefe und Aktualität künstlich einhauchen, doch exakt so, was folgt, verhielt es sich): dass sich, während ich schrieb und einer simplen Idee zu folgen gedachte, die dieser damals noch Namenlose, der spätere Felix Amboden, in meine Träume hinein getragen hatte, eine Verstimmung, eine Krise, eine Katastrophe ankündigte und abzeichnete und hereinbrach und schlimm wurde und immer schlimmer, der den diesem »deinSein« zugrunde liegenden Gedanken schnell einmal in die Nähe der Lächerlichkeit rückte. Als ob dies in diesen Tagen und Wochen und Monaten jemanden kümmern würde oder könnte oder sollte, da gäbe es doch unendlich Wichtigeres, worüber man nachdenken, schreiben, reden müsste!: Dass hier ein Mann neben einer Frau in deren Bett aufwacht, einer, der so lange allein gelebt hat, und sich noch nicht einmal sicher sein kann, dass diese Monique überhaupt neben ihm läge, würde er die Augen öffnen.

Ich habe lange mit dieser Erkenntnis gerungen und mich gefragt, wie es weitergehen sollte mit diesem Felix Amboden. Zumal ja jeder Endpunkt einer Geschichte, dieses langsame Erwachen, mutmaßlich zu zweit, am Morgen danach, nach einer langen Zeit des Alleinseins, eine Vorgeschichte hat. Denn immerhin, verriet mir Felix Amboden: Da war damals »das mit Lydia« geschehen, was seinen Rückzug in diese Siedlung ausgelöst und letztlich seinen Traum von oder das Erwachen neben Monique erst ermöglicht hatte. Doch dies genüge nicht, um seine Abwendung von seiner früheren Partnerin zu erklären, bedeutete mir Felix Amboden. Und ich setzte also vor den Untertitel »Annäherung an Felix« das Wort »Erste« in der Meinung, Hoffnung, Überzeugung, Angst, es könnte sich eine zweite oder dritte oder vierte aufdrängen.

Später.

Denn während mir Felix Amboden ausdrücklich verbot, seine Trennung von Lydia und sein Verhalten danach, insbesondere aber jene davor: jene Zeitspanne, die es immer gibt, während der sich nämlich die Trennung abzeichnet oder man sie herbeiführt, sie provoziert, nichts unternimmt, sie abzuwenden, auf andere, denn auf persönliche Gründe zurückzuführen, ahnte, nein wusste ich, es gäbe Wesentlicheres aus dieser Phase zu berichten als das, was dieser fiktive Felix Amboden mir durchgehen ließ.

Immerhin will ich dir positiv anrechnen, dass du in dieser Phase deiner Öffnung mir gegenüber nicht darauf beharrst, ja mir geradezu untersagst, irgendwelche geopolitischen Zustände verantwortlich zu machen, nicht das Elend dieser Welt, dem wir täglich begegnen, wenngleich wir Satten und Zufriedenen und Selbstgerechten auch bloß in den Medien, für deinen Schmerz, und dass du mich von dir nicht zu behaupten zulässt, diese Zustände hätten dich zum Entschluss geführt, dich hineinzubegeben ins vollkommene Schweigen, in die Verweigerung gegenüber dieser Welt am Abgrund, dieser Welt voller abscheulicher Gier und rücksichtslosem Machtstreben, dieser Welt der dreisten Lügen und der unglaublichsten Verbrechen unter dem Deckmantel des Guten, dem man zum Durchbruch verhelfen wolle. Die meisten Menschen, könntest du erkannt haben, darauf jedenfalls deuten einige deiner Äußerungen hin, die für ein bestimmtes Verhalten, namentlich ihre Abwendung von Politik und Gesellschaft sehr gewichtige Gründe und Vorbehalte anführen, die Abscheu in ihnen ausgelöst und sie zu einem dem deinen vergleichbaren Schritt getrieben hätten, sind in Tat und Wahrheit oft auf diesen Weg geführt, gedrängt, gestoßen, worden einzig von ihrem im weltweiten Kontext verschwindend kleinen, vom privaten Problem. Doch erscheint es vielen oft peinlich zuzugeben (angesichts der weltweiten Not, der Kriege, der Folter, Unterdrückung, Verstümmelung, der drohenden, sich am Horizont deutlich abzeichnenden Katastrophen, die von den vordergründig Herrschenden und den im Hintergrund mit ihren unfassbar großen Mengen an Geld tatsächlich Bestimmenden kleingeredet werden), dass ausschließlich ihre ganz persönliche Situation die eigentliche Ursache für ihre Ablehnung all dessen war, was sich außerhalb ihrer eigenen vier Wände abspielt und ereignet oder unterbleibt. Nein, hast du mit aller Schärfe klargemacht, darauf wollest du es nicht ankommen lassen: Dass man dir deine tiefe Besorgnis um die Welt nicht abnehme und nichts als Wichtigtuerei dahinter vermute, während du doch bloß eine vorübergehende, eine kleine, persönliche Krise durchzustehen und zu überwinden hättest.

So heißt es in einer jener Passagen des Textes, die ich gestrichen habe. Insgesamt sind dem Veto des fiktiven Felix Amboden weitaus mehr Wörter und Sätze, Absätze und Kapitel zum Opfer gefallen, als stehengeblieben sind. Auch deshalb könnte es sich bei dieser allenfalls nur um eine erste Annäherung gehandelt haben.

29. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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»deinSein«, mein neuer Roman, ist nun lieferbar

traeume_cover_002_front_ob_webRoman, 184 Seiten, Paperback, ISBN 9-783738-612967, (in wenigen Tagen auch als E-Book)

…und da liegt er nun am nächsten Morgen: bequem ausgestreckt im Bett von Monique, die er im Pub kennengelernt hat. Während er die Augen noch bewusst geschlossen hält, zieht sein Leben an ihm vorbei und erinnert ihn sein innerer Vertrauter daran, was war und was eventuell nicht, was ist, was sein könnte oder ihn allenfalls erwartet. Was aber wird sich Felix Amboden tatsächlich zeigen, wenn er die Augen endlich öffnet?

»Gewiss: Er könnte einfach die Augen öffnen. Dies wäre das Naheliegendste. Ihm jedoch erscheint diese Variante als zu banal; es drängt ihn seit jeher kaum, stets sogleich wissen zu wollen: Dieses trostlose Wissen, wie kläglich es sich doch ausmacht neben dem freudig erregten, dem erregenden, alles zum Vibrieren bringenden, dann und wann scheinbar heftige Fieberschübe gar auslösendenErwarten!«

28. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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Ich habe Käse gekauft heute

»Der Weg, er allein, wäre das Ziel. Du hast, an diesem Punkt deiner Überlegungen angelangt, gelächelt, dann haben tiefe Furchen deine Stirn aussehen lassen wie einen frisch gepflügten Acker: Wer nur hat mich einst mit dieser Weisheit das Grübeln gelehrt?«, heisst es in meinem jüngsten Roman, »deinSein«.

Wie beinahe immer, habe ich mich nicht etwa in den Bus gesetzt, sondern mich auch heute zu Fuss ins Nachbardorf begeben, um Käse zu kaufen. Der auf langen Strecken von Steinen übersäte Weg führt weitgehend und ziemlich sanft ansteigend durch den Wald. Knapp sieben Kilometer sind es hin und zurück. Ich war überzeugt, nicht der Weg sei das Ziel. Denn das Ziel hatte ich mir vorgegeben: der Kühlschrank und der kleine, runde Blecheimer, in den man das Geld für den Käse legt, die sich unter der Aussentreppe jenes Hauses am oberen Ende des Dorfes befinden, das steht, wo der Weg den Wald endgültig hinter sich lässt.

Doch auf dem Rückweg habe ich mich korrigiert: Natürlich war auch diesmal der Weg das eigentliche Ziel, Kühlschrank und Blecheimer, die ich als konkreten Endpunkt und damit als das eigentliche, das einzige Ziel meiner kleinen Wanderung bezeichnet hatte, bildeten lediglich den Vorwand, mich aufzuraffen und durch den Wald, über die Steine, die Wiesen, hinunter über die schmale Brücke und wieder hinauf bis zum Dorf zu gehen. Denn unterwegs, dies war der eigentliche Grund meines Unterwegsseins, hatte ich nachdenken wollen (und es getan), ich habe Gedanken geordnet, verworfen, bin anderen nachgegangen.

Natürlich habe ich den Käse gekauft. Und selbstverständlich habe ich ihn zurück in mein Dorf getragen und hier in meinen Eisschrank gelegt.

Das Wort von Konfuzius will ich somit für mich nicht im Sinn jener verstanden oder missverstanden wissen, die es rundweg als bequeme Ausrede von Menschen ablehnen, die kein Ziel erreichen wollen und sich, diesen Zitat sei Dank!, darauf herausreden können, sie seien noch immer unterwegs (oder auf dem Weg gescheitert). Ganz im Gegenteil: Will ich dem (in unbekannter Entfernung befindlichen) Ziel meines Daseins näherkommen, muss ich (auch weiterhin) meinem Weg die volle Aufmerksamkeit schenken – und nicht kopflos auf das Licht losrennen, das eventuell wartet. Dem »Ziel« näherzukommen, verlangt weitaus mehr, als bloss einen von A bis Z und mit vielen sogenannten »Meilensteinen« versehenen Weg erfolgreich durchschritten zu haben.

18. Juni 2015
von Martin Andreas Walser
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Aus dem Notizbuch

»Wie anstrengend muss es sein«, schrieb er in sein Notizbuch, »eingeschlossen im Haus der vermeintlichen Wichtigkeit zu leben und stets befürchten zu müssen, ein Bedeutungsloser klopfe an die Tür, bloss um Hallo zu sagen.«