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Martin Andreas Walser

25. Dezember 2017
von Martin Andreas Walser
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An Tagen wie dem heutigen

An Tagen wie dem heutigen, dies hängt, will ich gleich einfügen, weniger mit dem Datum, dem Umstand also zusammen, dass wir Weihnachten feiern, sondern eher mit den grauen Nebeln, die bis auf die Wiese auf der anderen Strassenseite reichen und alles verhüllen, was sich hinter den kahlen Bäumen befindet, an solchen Tagen also sehne ich mich nach dem Mystischen, nach dem nicht Erklärbaren, das sich weitgehend aus unserem Leben verabschiedet zu haben scheint. Das Staunen, das Rätseln, sie sind uns weitgehend abhanden gekommen, scheint mir.

An Tagen wie dem heutigen wünschte ich mir eine Zeit – ich muss wohl, obwohl ich sie mir als in die Zukunft führende Gegenwart ersehne, gleich anfügen: «zurück», denn auch dieses Rad wird sich kaum zurückdrehen lassen –, in der es selbst im normalen, dem biederen, dem «langweiligen» Alltag wieder kleine und grössere Geheimnisse gäbe, Wunder, die Erstaunen auslösen, Dinge und Erscheinungen und Begebenheiten, die uns länger rätselhaft und phantastisch und überraschend erscheinen und worüber wir länger nachdenken, uns intensiver austauschen würden als bloss für die wenigen Sekunden, bis jemand zum Handy gegriffen und im Internet eine Erklärung gefunden oder wenigstens diese und jene Theorie aufgestöbert hätte, die das Phänomen erklärt. Obwohl es schwer ist zu unterscheiden, was richtig, was falsch, was möglich, wahrscheinlich, was eher oder «ganz sicher» ausschliessbar ist, werden wir, was das Internet als Weisheit und Wahrheit anzeigt, als Beleg dafür nehmen, dass das vermeintliche Rätsel gelöst ist, bevor wir uns länger mit dem Phänomen beschäftigen mussten, konnten, durften. Es werden uns so das Rätseln, das Phantasieren, das Grübeln, letztlich das selbstständige Denken genommen. Ersetzt wird es durch den Glauben an diese oder jene wissenschaftliche Erkenntnis. Erstaunlich ausgerechnet in einer Welt und Zeit, in der dem Glauben in religiösem Sinn mit grösster Skepsis bis hin zur Abneigung begegnet wird.

Während wir uns befleissigen, mit Inbrunst zu bekräftigen, an «nichts» zu glauben, glauben wir in anderen als religiösen Zusammenhängen gleichzeitig an so vieles. Etwa, dass ein Verbot von Verbrennungsmotoren und die Hinwendung zu elektrisch betriebenen Verkehrsmitteln unsere Erde rettet (aber auch nur, wenn oder weil wir daran glauben, die umweltfreundliche Erzeugung genügender Mengen elektrischer Energie werde gelingen), wir glauben daran, Flüchtlingsströme liessen sich durch Zuwanderungsobergrenzen eindämmen (aber auch nur, wenn oder weil wir gleichzeitig glauben, die Ursachen zur Flucht liessen sich «politisch» beseitigen), wir glauben daran, dass Gesetze und Verbote aus potenziell «schlechten» durchs Band «gute» Menschen machen, wir glauben daran, dass es Wissenschaft und Forschung «rechtzeitig» gelingt, auch die gravierendsten, überlebensbedrohenden Probleme zu lösen, wir glauben an so vieles. Wir werden zwar bestreiten, uns selber gegenüber dieses und jenes Glaubensbekenntnis abgelegt zu haben und korrigieren, es ginge dabei lediglich um Hoffnung (die bekanntlich «zuletzt sterbende»).

Hoffnung lässt immerhin den Zweifel zu. Dieser Zweifel könnte uns weiterbringen – aber bloss, wenn hinter ihm nicht der Glaube steht, dass, wie auch immer, letztlich auch ohne unser aktives Zutun alles gut wird.

An Tagen wie dem heutigen jedenfalls wünsche ich mir mehr Geheimnisvolles, mehr Unbekanntes in dieser Welt. Und also schreite ich durch die Nebel hindurch, die sich bis auf die Wiese auf der anderen Strassenseite gesenkt haben, und ich stelle mir vor, dahinter nicht die bekannten Haussilhouetten vorzufinden, wie sie sich meinem Auge bei schönerem Wetter präsentieren, sondern eine andere, eine unbekannte Welt, die ich erforschen werde, eine Welt voller Geheimnisse, gespickt mit Unbekanntem, Unerklärlichem, Überraschendem. Eine friedliche Welt, die verblüfft, mich staunen lässt, mich erfreut, durch die Kraft positiver Gedanken gestaltbar wird. Die Phantasie, denke ich, die Phantasie droht uns verloren zu gehen, die Phantasie, unserem Denken entsprungen und unser Denken beflügelnd, die Phantasie, die Visionen ermöglicht und erschafft. Ich aber möchte alle einladen, in dieses Abenteuer aufzubrechen und diese helle, weite, sonnenbeschienene Ebene zu durchschreiten, in der alles möglich scheint und der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind…

6. November 2017
von Martin Andreas Walser
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Weshalb die Geschichte von der heilen Welt ungeschrieben blieb

Er gedenke, eine Geschichte zu schreiben, hob er an, erfüllt von Harmonie und Liebe, angesiedelt in einer lieblichen Landschaft, unweit das Meer, darüber ein wolkenlos blauer Himmel, und bevölkert mit friedvollen, fröhlichen, aufrichtigen, ehrlichen Menschen.

«Das geht gar nicht», knurrte an dieser Stelle A., «ich mag kein Meer. Stehe ich an einem Strand und blicke ich in die scheinbare Unendlichkeit, so werde ich wehmütig, was direkt in eine Depression mündet.»

«Wie wär’s mit einem kleinen See inmitten der Berge?», schlug darauf B. vor.

«Und mit Schnee, viel Schnee, das wäre schön», fügte C. an.

D. blickte mürrisch vor sich hin: «Lauter friedvolle, fröhliche, aufrichtige, ehrliche Menschen? Wie langweilig ist das denn!»

«Mindestens ein Widerling muss dabei sein», forderte E. ultimativ.

«Und ein ungelöster Mordfall.» F. blickte erwartungsfroh in die Runde. «Er kann ja in grauer Vorzeit geschehen sein, damit diese heile Welt keinen Schaden leidet.»

«Ach was», warf G. ein, «wenn schon, denn schon. Wir wollen live dabei sein, wenn einer abgestochen wird.»

«Abgestochen?», entsetzte sich H. «Ich schlage Gift vor. Kein Blut, kein Geschrei, aber dasselbe Resultat.»

«Sie sollen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen», forderte I., «eine heile Welt ist sowas von kitschig.»

«…und weltfremd», ergänzte J. und dozierte: «Wer eine Geschichte erzählt, der hat sich an den politischen und gesellschaftlichen Realitäten zu orientieren, diese aufzunehmen und deutlich Stellung zu beziehen.»

«Exakt!», ergriff nun auch K. das Wort. «Deshalb gehört eine Gruppe sogenannter Flüchtlinge in die Geschichte hinein, die diesen vermeintlichen Frieden zu zerstören trachtet.»

«Sie vergewaltigen eine der Frauen», liess L. sich vernehmen.

«Worauf das Opfer aus der Gruppe verstossen wird», bemerkte M. trocken, «denn die Männer geben der Frau die Schuld, weil sie in einem knappen Bikini baden ging.»

«Überhaupt die Männer», gab N. zu bedenken, «sie haben diese heile Welt ausschliesslich nach ihren Vorstellungen und zum einzigen Zweck geschaffen, um die Frauen weiterhin nach Belieben unterdrücken zu können.»

«Wie kann man heutzutage überhaupt in Betracht ziehen, von einer heilen Welt erzählen zu wollen», wechselte darauf O. das Thema, «denken wir doch bloss an die Umweltverschmutzung, die Erderwärmung, die drohende Klimakatastrophe.»

Das brachte P. auf eine Idee: «Der Meeresspiegel wird im Verlauf der Geschichte steigen und steigen und das Paradies überfluten…»

«…und die friedvollen Menschen müssen sich auf Bäumen in Sicherheit bringen…», fuhr Q. fort.

«…und werden so wieder zu den Affen, von denen wir bekanntlich abstammen…», nahm R. den Faden auf.

«Sie werden froh sein», lachte S., «dass sie rechtzeitig gelernt haben, auf Fleisch zu verzichten, denn nun gibt es bloss noch Blätter zu essen.»

«Es sei denn, es handelt sich um Nussbäume oder um Apfelbäume oder was weiss ich. Dann werden sie überleben», brachte T. Abwechslung in den Speisenplan.

«Aber sie haben Kinder gezeugt. Also droht aufgrund der absehbaren Übervölkerung dennoch der Hungertod», blieb U. realistisch.

«Überhaupt Sex», wandte V. ein und wirkte verlegen, «ich möchte, dass diese friedvollen, fröhlichen, aufrichtigen, ehrlichen Menschen schönen, zärtlichen, gefühlvollen Sex miteinander haben und dies Teil der Geschichte wird.»

Dieser romantische Einschub wurde geflissentlich überhört, denn W. posaunte heraus: «Sie werden fliehen müssen. Schwimmend erreichen sie nach vielen Stunden vollkommen erschöpft einen scheinbar menschenleeren Strand…»

«Menschenfresser?», mutmasste X.

«Quatsch», warf Y. ein, «die dortigen Bewohner sind vor dem steigenden Meeresspiegel geflohen, und den Neuankömmlingen wird rasch klar, dass sie lediglich ein Zwischenziel erreicht haben.»

«Doch just in diesem Moment», beendete Z. die Diskussion, «hat der irre Präsident genug von dieser schrecklichen Welt und löst die nukleare Katastrophe aus.»

Deshalb gibt es sie nicht, die Geschichte, erfüllt von Harmonie und Liebe, angesiedelt in einer lieblichen Landschaft, unweit das Meer, darüber ein wolkenlos blauer Himmel, und bevölkert mit friedvollen, fröhlichen, aufrichtigen, ehrlichen Menschen.

19. September 2017
von Martin Andreas Walser
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Der Mann auf dem Stein (ein Zwischenbericht)

Florian Meier sass auf dem Stein, auf dem er sich öfter niederliess.

In den Augen wohl vieler Menschen ein banales Faktum.

Und keineswegs ein einmaliges Ereignis, was sich durch das Wort «öfter» verrät.

Aber auch kein alltägliches im strengsten Sinn des Wortes, denn Florian Meier setzte sich zwar öfter auf diesen Stein, aber nicht an jedem Tag. Und öfter zwar, aber nicht regelmässig: Manchmal sass er an mehreren Tagen hintereinander hier, dann wieder einen Tag oder einige Tage lang überhaupt nicht. Bei wenigen Gelegenheiten sogar mehrmals täglich – einmal am Morgen beispielsweise, wenn er nach dem Frühstück hinausging, und später erneut, wenn er sich auf dem Rückweg befand von einem kürzeren oder längeren Spaziergang hier oben über die beinahe menschenleere Ebene oder dort unten, wo ein gut ausgebauter, rege frequentierter Fuss- und Fahrradweg der Küste entlangführte.

Obwohl dieses Bild viele Ansatzpunkte zu weiteren Überlegungen bietet, lässt es uns gähnen. Bald würden wir eingeschlafen sein, oder wir würden nicht weiterlesen, mürrisch etwa oder eventuell gar etwas verärgert: Nichts Aussergewöhnliches – kein Spektakel!

Wir können uns eine Welt ohne rasante Abfolge spektakulärer Ereignisse rund um die Uhr kaum mehr vorstellen. Uns ist bereits eine Stunde, während der sich scheinbar nichts ereignet, nicht geheuer. Wir beginnen uns schon nach wenigen Minuten unwohl zu fühlen, klauben, mit bereits zittrigen Fingern, unsere Mobiltelefone hervor und angeln uns wild durch die verschiedensten Portale und Freundeskreise und News-Plattformen, stets auf der Suche und in der Hoffnung nach etwas, was wir zur Beruhigung unserer Nerven «sensationell» nennen könnten. Mitunter genügt ein neues, unscharfes Blumenbild, das Tante Hilda am Vortag auf ihrem Weg zur Bäckerei mit ihrem Handy geschossen und nun auf ihrem Profil geteilt hat. 37 ihrer Freundinnen, Verwandten und Bekannten haben es, dankbar für die gebotene Abwechslung, bereits gelikt; es fehlen nur noch zehn, bis der Rekord, gehalten vom ebenfalls unscharfen Foto von Nachbars Hund, gebrochen ist.

Alleine die Tatsache, dass Tante Hilda mit ihren fast achtzig Lebensjahren überhaupt ein Handy besitzt, war eine Sensation, als Tante Hilda ihren Kauf vermeldete. Diese Meldung wurde erstens dadurch getoppt, als sich erwies, dass sie mit dem Gerät sogar Fotos zu machen verstand, und zweitens, als man erfuhr, dass sie an der Volkshochschule nicht nur gelernt hatte, wie sie die Bilder in ihrem bevorzugten sozialen Netzwerk veröffentlichen konnte, sondern ihres Wissens in der Folge offenkundig nicht wieder verlustig ging. Nichts gegen Tante Hilda! Nichts gegen ihre Fotos!

Allerdings wird es hier gewagt, einfach einen Menschen auf einem Stein sitzen zu lassen. Vom Sitzenden wurde einleitend nichts weiter verraten, als dass er Florian Meier heisst und sich öfter an diesem Ort aufhält. Ganz schön keck! Oder dumm. Denn so lässt man eine Geschichte nicht beginnen, von der man hofft, nachgerade sehnlich erwartet, sie werde gelesen – von vielen, von ungezählten Menschen, nicht bloss von den wenigen, denen man üblicherweise eine Kopie des Textes schenkt. Wobei man selbst bei diesem an zwei Händen abzählbaren Grüppchen nie sicher sein kann, ob ihm jemand angehört, der jeweils mehr als die ersten Sätze liest.

Wenn überhaupt.

Und selbst wenn wir uns faszinieren liessen von diesem Bild, das einen auf einem Stein sitzenden Mann zeigt, vor seinen Augen das weite, offene Meer, die Sonne, die darübersteht, und am linken und rechten Rand des Himmels einige von ihr dramatisch angeleuchtete Wolken, von Weiss bis Dunkelgrau in allen Schattierungen scharf konturiert, so liesse uns dies nicht genügend lange innehalten, um es bewusst zu erfassen.

Weshalb bleiben wir nicht stehen und betrachten für einige Minuten oder länger dieses Bild? Die Landschaft und diesen Mann, der auf dem Stein sitzt, auf einem Gesteinsbrocken von beachtlicher Grösse, dunkel, fast schwarz wie beinahe alles Gestein auf dieser Insel, und die Oberfläche, anders als bei vielen anderen Brocken, die es hier zuhauf gibt, derart eben und glatt, dass sich der Mann, von dem wir aus unserer Position lediglich den Rücken sehen sowie den Hinterkopf, das Weiss des bis in den Nacken fallenden Haars hat fast ganz über das ursprüngliche Braun gesiegt, bequem ausstrecken könnte, wenn er wollte, um auf dem Rücken liegend in den Himmel zu sehen. Weshalb lassen wir es nicht zu, in solchen Momenten gleich dem Mann auf dem Stein zur Ruhe zu kommen, einmal einfach nichts anderes zu tun als zu bewundern, zu schweigen, zu schauen, eventuell ein wenig nachdenklich zu werden und ihn als beglückend zu empfinden, diesen Blick auf eine Welt, in der sich für einmal nichts tut?

Dieser Mann, Florian Meier, wie wir uns erinnern, 64 Jahre alt, seit vier Jahren pensioniert, sitzt regungslos da.

Von unserem Standort aus lässt sich nicht erkennen, ob es sich um einen lebenden Menschen handelt oder um eine Skulptur.

31. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Ziffern und Buchstaben

«Ziffern gehören augenblicklich verboten», forderte er.

«Weshalb?», wurde er gefragt.

«20 Prozent unserer Ziffern sind eine kriminelle Vereinigung eingegangen mit dem Ziel, uns Unglück zu bringen. 20 Prozent! Konkret: Die 1 und die 3. Es gilt als erwiesen, dass die anderen Ziffern ebenfalls mit dem Gedanken spielen, sich alleine oder im Verbund gegen uns zu wenden.»

«Wer sagt das?»

«Viele. Und was viele sagen, ist wahr.»

«Auch Buchstaben vereinigen sich. Zu Wörtern. Wörter können töten. Sagt man.»

«Demnach sind auch die Buchstaben zu verbieten.»

«?»

«!»

30. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Das Huhn und das Ei

Aus meinem Notizbuch: «Wer erreichen will, dass es künftig keine Hühnereier mehr gibt, kann verschiedene Wege einschlagen: Er kann alle Hühner schlachten, er kann alle Eier vernichten – oder er wählt den in vergleichbaren Fällen häufigsten Weg: Er verbietet den Hühnern das Eierlegen.»

29. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Wie ein Stein

Aus meinem Notizbuch: «Wie ein Stein, ein grosser, schwerer Brocken, ist sie vom Himmel gefallen, die Erkenntnis. Nur zu dumm, dass er sie nicht mehr nutzen und wir, die wir uns erwartungsfroh in seiner Nähe aufhielten, nicht davon profitieren konnten – weil sie ihn, tonnenschwer, erschlug.»

27. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Und es kehrte Ruhe ein im Land – ein Fragment

Es blieb eigenartig ruhig im Land, nachdem ein Sprecher der Regierung vor die laufenden Kameras getreten war und das generelle, sofort in Kraft tretende Verbot eigenständigen Denkens verkündet hatte. Man habe sich zu diesem Schritt gezwungen gesehen, erklärte er, weil damit die Bevölkerung noch effektiver und effizienter vor extremistischen Umtrieben geschützt werden könne. Das Verbot diene also dem Erhalt des Friedens, der Freiheit, des geistigen, somit auch körperlichen Wohlergehens und sichere die Zukunft als Gesellschaft und Nation – nicht zuletzt mit Blick auf die Erfordernisse der Wirtschaft.

Während Monaten waren zuvor Ergebnisse «wissenschaftlicher Studien» veröffentlicht und kommentiert worden, woraus unter anderem hervorging, dass Probanden, die über einen gewissen Zeitraum freiwillig auf eigenständiges Denken verzichtet hatten, selbst nach einer vergleichsweise kurzen Beobachtungszeit eine eindeutig höhere Lebenserwartung prophezeit werden konnte als einer vergleichbaren Gruppe, die nach dem herkömmlichen Muster lebte. Eine andere Studie wies nach, dass der Anteil der Nichtdenkenden bei den Erwerbslosen vernachlässigbar klein war, während deren Zahl bei den Denkenden exorbitant anstieg und die Karriereaussichten für nicht eigenständig Denkende ungleich besser zu beurteilen waren. Und nicht zuletzt wirke sich, wurde eine weitere Untersuchung zitiert, der Verzicht auf eigenständiges Denken positiv auf das private Leben aus: «Wer nicht denkt, findet gemäss unseren Untersuchungen leichter eine Partnerin oder einen Partner und kommt in den Genuss von mehr und besserem Sex.»

Wer also wollte ernsthaft einer Massnahme opponieren, die einerseits mehr Sicherheit, Frieden und Freiheit brachte und andererseits die Chancen am Arbeitsmarkt und im privaten Leben verbesserte!

Und so kehrte Ruhe ein im Land, und es dehnte sich das, aus Sicht der Regierung positiv verlaufende, Experiment rasch über den ganzen Kontinent und danach auf viele weitere, dem Fortschritt verpflichtete Staaten der Welt aus.

12. Juni 2017
von Martin Andreas Walser
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Die Lücke im Gedächtnis

Gestern habe ich in einem meiner Regale ein Buch entdeckt, von dem ich selbst nach längerem Grübeln nicht weiss, wie und bei welcher Gelegenheit es in meinen Besitz gelangt ist. Dass es aber mir gehören muss und ich es nicht einst ausgeliehen, aber nie zurückgegeben habe, erkannte ich beim Aufschlagen: Mein damaliger Stempel prangt auf der ersten Seite. Mindestens zwanzig Jahre müssen seither vergangen sein, denn es wurde seit inzwischen die Strasse umbenannt, an der ich die ganze Zeit wohnte, und es hatte die Post zuvor oder danach ihre Zustellkreise angepasst; bei der Postleitzahl im Stempel handelt es sich also um die längst nicht mehr gültige.

Ich hatte nicht nach dem Buch gesucht, man kann nicht nach einem Buch suchen, von dem man nicht weiss, dass man es besitzt, aber es versprach, dem Titel nach zu schliessen, mir Informationen (nicht «Wahrheiten«), nach denen ich suchte. Offensichtlich hatte ich den Band bei meinem kürzlichen Umzug exakt dort eingefügt, wohin es thematisch gehörte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Es handelte sich somit offensichtlich um ein Buch, dessen Anwesenheit mich beim Ein- und Auspacken keineswegs überrascht hatte.

Als ich es in Händen hielt, völlig ratlos darüber, wie es in meinen Besitz gekommen war, fühlte ich mich um ein Stück meiner Vergangenheit, meiner Geschichte beraubt, weil mir jede Erinnerung an die Umstände und den Grund des Erwerbs fehlte. Das geschieht mir selten. Normalerweise erinnere ich mich an dieses oder jenes Detail, das mit dem Kauf in Zusammenhang stand, an den Ort etwa, an dem ich es erworben habe oder an die Buchhandlung, in der ich es entdeckte, oder es öffnet sich ein Fenster in meiner Erinnerung, das mir einen Blick auf die damalige Begeisterung für den Verfasser oder das Thema, auf jemanden aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis öffnet, der es mir empfohlen hatte, oder das Gedächtnis lässt mich auf diesen bestimmten meiner relativ häufigen, euphorischen Momente blicken, in die hinein ich mich in Buchhandlungen oft steigere, sodass ich, obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich bloss kurz umsehen zu wollen, den Laden jeweils mit einem ganzen Stapel Bücher verlasse. Aber in diesem Fall wollte und will sich nicht der geringste Hinweis einstellen, wie dieses Buch und ich zusammengekommen sind.

Ein Detail meiner Lebensgeschichte, vielleicht ein unbedeutendes, eventuell ein gewichtigeres, scheint unwiderruflich verloren.

Ein schwacher Trost: Viele kleinere und grössere Begebenheiten, Ereignisse, Entwicklungen gehen in unserem heutigen, diesem aufgeregten, hektischen, oberflächlichen Leben verloren, Zutaten, die aus dem platten Bild das plastische Relief des Lebens entstehen lassen würden. Als mittlerweile biologisch älterer Mensch wünschte man sich oft, das Bild der Vergangenheit oder der Gegenwart fiele differenzierter aus. Indessen: Was sich heutzutage nicht auf die Schnelle im Internet finden lässt, hat niemals stattgefunden, niemals existiert. So scheint es oft. Wie ich über den Erwerb dieses Buches aufgrund der Lücke in meinem Gedächtnis nichts sagen kann, scheinen also unzählige Facetten des realen Lebens vergessen zu gehen, weil sie im «elektronischen Gedächtnis» nicht gespeichert sind. Nicht gespeichert unter Umständen hier, anders als im vergesslichen Hirn, gar absichtlich. Was das diffuse Bedauern zur real schmerzenden Bedrohung, zur Angst der unkontrollierbaren, kaum zu beweisenden, geschweige denn zu ahndenden Manipulation anwachsen lässt.

Das Buch übrigens, eine Fussnote, hat seine eigene Geschichte, die ihrerseits vielfältig mit Vergessen zu tun hat: «Die schweizerische Literatur des 18. Jahrhunderts» von J. C. Mörikofer liegt mir vor als «fotomechanischer Neudruck der Originalausgabe 1861 nach dem Exemplar der Universitätsbibliothek Leipzig», für dessen Herausgabe das «Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik» (Leipzig 1977) verantwortlich zeichnet – «Druck: Nationales Druckhaus, VOB National, 1055 Berlin». Eingedruckter «EVP»: 100,- M.