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Martin Andreas Walser

2. Januar 2019
von Martin Andreas Walser
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Eben gelesen: «Der Widersacher» (Emmanuel Carrère)

Eine Neuübersetzung von Carrères Roman “Amok” (1999/2001). Vorerst: Ich habe weder den französischen Originaltext gelesen noch die Erstübersetzung, kann somit keine Vergleiche anstellen und weiss nicht, ob und weshalb sich eine Neuübersetzung “aufgedrängt” haben könnte.

Als reine Fiktion würde man die Geschichte wohl als eher unglaubwürdig bezeichnen: Dass jemand sich 18 Jahre lang als erfolgreicher Arzt und Forscher bei der WHO ausgeben kann, während er in Tat und Wahrheit nichts, absolut nichts tut, dass seine Gattin nie Verdacht schöpft, obwohl sie ihren Mann nie auch nur im Büro anrufen kann, dass seine Eltern, die Schwiegereltern, die Freundin und Bekannte sich viel Geld abknöpfen lassen für angebliche Anlagen, ohne misstrauisch zu werden – unglaublich. Carrére jedoch breitet eine wahre Geschichte aus, jene von Jean-Claude Romand, der am 9. Januar 1993, als nach all diesen Jahren sein Lügengebäude doch noch einzustürzen drohte, erst seine Frau, seine Kinder, seine Eltern und deren Hund erschoss und seine Geliebte zu töten versuchte (um sie anschliessend nach Hause zu fahren, ohne dass sie danach die Polizei alarmiert hätte) und endlich einen Selbstmordversuch unternahm, von dem man vermutet, Romand habe ihn bewusst so dilettantisch inszeniert, dass er gerettet werden konnte. Carrère wertet nicht, er deckt Schicht um Schicht von Romands angeblich erfülltem (Berufs)leben ab, bis sich dahinter eine absolute Leere offenbart – die der verurteilte Häftling Romand sogleich mit einem neuen, angeblich “wahren” Lebensmuster ausfüllt.

Man kann sich durchaus fragen, weshalb man ausgerechnet jetzt dieses Buch lesen sollte, zumal es keine Informationen zum weiteren Verbleib von Jean-Claude Romand enthält, der gemäss Urteil 2015 theoretisch aus der Haft hätte entlassen werden können, weder im Text oder einem möglichen Nachwort oder im angefügten Gespräch zwischen dem Autor und der Übersetzerin Claudia Hamm. Und dann denkt man plötzlich an einen anderen notorischen Lügner, der zwar eine ganz andere Position als Romand besetzt, allerdings tatsächlich, statt nur behauptet. Und man beginnt sich zu überlegen, ob es in der Psyche dieser beiden Menschen nicht (unübersehbare) Parallelen gibt … Dann aber lautete die Frage, weshalb auch in diesem Fall viele bloss zuschauen, selbst deutliche Zeichen nicht deuten und im Zweifelsfall lieber glauben, statt zu hinterfragen.

Apropos Glaube: Der Titel (“Der Widersaacher”) weist auf einen der Namen des Teufels hin – hier zumindest ist die Neuübersetzung konsequenter und korrekter als bei der ursprünglichen Titelgebung.

Leider weist die (1. Auflage der) Neuübersetzung einige Fehler auf, darunter vorab offensichtlich falsche Trennungen, zB. “Pate-nonkel”, die – wenigstens auf mich – irritierend wirken.

14. Oktober 2018
von Martin Andreas Walser
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Der steile Aufstieg und Fall des Wahrheitsspiegels

Da stand nun, endlich, in seinem Schlafgemach, was er am Vorabend in einem seiner Tweets als «die bahnbrechendste Erfindung der Menschheitsgeschichte» angepriesen hatte: Ein beinahe raumhoher Spiegel, «bis obenhin gefüllt mit künstlicher Intelligenz»: Stelle man sich vor ihn und richte eine Frage an das Wunderding, so antworte es stets mit der «Wahrheit, nichts als der Wahrheit». Die «besten Forscher dieses Erdballs», nämlich jene des eigenen Landes, hätten den Spiegel entwickelt. «Wir verabschieden uns hiermit von den Fake News, denn dieser Spiegel wird jederzeit und zu jedem erdenklichen Thema die absolute Wahrheit liefern.»

Er würde mit einfachen Fragen beginnen, beschloss der Besitzer des Spiegels – somit: «Wer ist der wichtigste Mann dieses Landes?»

«Du bist der wichtigste Mann dieses Landes.»

«Wer ist der intelligenteste Mann dieses Landes?»

«Du bist der intelligenteste Mann dieses Landes.»

«Wer ist der schönste Mann dieses Landes?»

«Du bist der schönste Mann dieses Landes.»

«Wer ist der mächtigste Mann dieses Landes?»

«Du bist der mächtigste Mann dieses Landes.»

Obwohl er von alledem längst überzeugt war, erfreuten ihn die Antworten: Endlich war  erwiesen, dass der absoluten Wahrheit entsprach, was er selber stets geahnt hatte. Also tat er dies seiner Twitter-Fangemeinde entsprechend kund.

Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Viele meinten zum Beispiel: «Du hast die Frage nur auf den Mann beschränkt – doch die Frauen sind allemal wichtiger, intelligenter, schöner und mächtiger als du.»

Der Besitzer des Spiegels war etwas irritiert.

Er wiederholte am kommenden Tag die Fragen, ersetzte allerdings das Wort «Mann» durch «Mensch.» Die Antworten waren erneut eindeutig.

«Keine Chance, Jungs und Girls», schrieb er, «der Spiegel hat bestätigt, dass es auch keine Frau in diesem Land gibt, die an mich heranreicht.»

Doch wieder kamen Einwände: «Jedes Mäuschen ist intelligenter als du – du hast bloss nach den Menschen gefragt.»

Für den dritten Versuch ersetzte er somit «Mensch» durch «Lebewesen».

Das Resultat blieb dasselbe.

Und wieder wurde er verhöhnt: «Vielleicht in diesem Land – aber tief in Afrika sitzt ein Lebewesen, das ist wichtiger und intelligenter und schöner und mächtiger als du.»

Er, der die ganze Zeit über relativ ruhig und gelassen geblieben war, was seine Umgebung und die Öffentlichkeit erstaunte, verlor nun langsam doch die Nerven. Er beschloss, das Verfahren abzukürzen. Also rief er am folgenden Morgen ein Video-Team in sein Schlafgemach, baute sich in seinem Schlafanzug, worüber er einen Bademantel trug, während seine Füsse in putzigen Pantoffeln steckten, auf denen die Konterfeis von Duck Onkel und Duck Neffe prangten, vor dem Spiegel auf und fragte: «Wer ist das bedeutendste Lebewesen aller Zeiten des gesamten Universums?»

«Du bist das bedeutendste Lebewesen aller Zeiten des gesamten Universums.»

Dieses Video liess er sogleich veröffentlichen und schrieb dazu: «Damit ist alles geklärt.»

Kommentare blieben weitgehend aus. Ob seine Kritiker es müde waren, sich täglich mit solchen Lappalien zu befassen oder ob sie aus blossem Mitleid schwiegen, bleibe dahingestellt.

Das bedeutendste Lebewesen aller Zeiten aber befragte den Spiegel weiterhin täglich. Wer über Krieg und Frieden entscheide, wer allen Menschen Wohlstand bringe, wer der Garant für eine blühende Zukunft über Jahrmillionen hinaus sei – alle Antworten fielen zu seiner vollen Zufriedenheit aus.

Aber selbst der Fragesteller begann sich zu langweilen, denn immerhin bestätigte der Spiegel ja bloss, wovon er seit jeher überzeugt war.

Also fragte er eines Morgens, weil er sich mehr Informationen über seine Gegner erhoffte: «Wer ist die grösste Gefahr für unseren Planeten?»

Die Antwort kam postwendend: «Du bist die grösste Gefahr für unseren Planeten.»

Der abendliche Tweet fiel klar und deutlich aus: «Meine Feinde haben den Spiegel gehackt. Er verbreitet nur noch Fake News. Ich werde nicht ruhen, bis sie alle in der Hölle schmoren.»

12. Oktober 2018
von Martin Andreas Walser
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Einer unbekannten Violinistin gewidmet

Kleines Internezzo unterwegs: Herr Z. (vollständiger Name bekannt) sucht Herrn L. (vollständiger Name ebenfalls bekannt). Laustark. Am Telefon. Während der Bahnfahrt.

Die Frau im Abteil nebenan findet das ungeheuerlich; sie beschwert sich. Laustark. Bestimmt.

Der soeben am Telefon noch salbungsvolle Herr Z., unterstützt von einem weiteren Reisenden, wehrt sich.

Zunehmend gehässig und grob: «Wenn es Sie stört, setzen Sie sich woanders hin.» Dann: «Für solche wie Sie gibt es einen Ruhewagen.» (Aber nicht in diesem, einem Ersatzzug, dies ist in diesem Zusammenhang jedoch unwesentlich.) Und schliesslich: «Wir müssen arbeiten – wir können nicht einfach in der Gegend herumfahren wie Sie.»

Der Frau verschlägt’s kurz die Sprache. Sie fasst sich aber schnell wieder: «Ich arbeite ebenfalls – allerdings: Was würden Sie wohl sagen, würde ich hier im Zug auf meiner Geige zu üben beginnen?»

*

Herr L. war übrigens nicht erreichbar; er hatte das Büro, wie dem Gespräch von Herrn Z. zu entnehmen war, bereits verlassen – und das an einem Freitag vor 15 Uhr!

Eventuell sass er ja in ebenjenem Augenblick einem anderen Zug und lauschte, eventuell unfreiwillig, den Klängen einer anderen, einer tatsächlich im Zug übenden Violinistin…

25. Dezember 2017
von Martin Andreas Walser
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An Tagen wie dem heutigen

An Tagen wie dem heutigen, dies hängt, will ich gleich einfügen, weniger mit dem Datum, dem Umstand also zusammen, dass wir Weihnachten feiern, sondern eher mit den grauen Nebeln, die bis auf die Wiese auf der anderen Strassenseite reichen und alles verhüllen, was sich hinter den kahlen Bäumen befindet, an solchen Tagen also sehne ich mich nach dem Mystischen, nach dem nicht Erklärbaren, das sich weitgehend aus unserem Leben verabschiedet zu haben scheint. Das Staunen, das Rätseln, sie sind uns weitgehend abhanden gekommen, scheint mir.

An Tagen wie dem heutigen wünschte ich mir eine Zeit – ich muss wohl, obwohl ich sie mir als in die Zukunft führende Gegenwart ersehne, gleich anfügen: «zurück», denn auch dieses Rad wird sich kaum zurückdrehen lassen –, in der es selbst im normalen, dem biederen, dem «langweiligen» Alltag wieder kleine und grössere Geheimnisse gäbe, Wunder, die Erstaunen auslösen, Dinge und Erscheinungen und Begebenheiten, die uns länger rätselhaft und phantastisch und überraschend erscheinen und worüber wir länger nachdenken, uns intensiver austauschen würden als bloss für die wenigen Sekunden, bis jemand zum Handy gegriffen und im Internet eine Erklärung gefunden oder wenigstens diese und jene Theorie aufgestöbert hätte, die das Phänomen erklärt. Obwohl es schwer ist zu unterscheiden, was richtig, was falsch, was möglich, wahrscheinlich, was eher oder «ganz sicher» ausschliessbar ist, werden wir, was das Internet als Weisheit und Wahrheit anzeigt, als Beleg dafür nehmen, dass das vermeintliche Rätsel gelöst ist, bevor wir uns länger mit dem Phänomen beschäftigen mussten, konnten, durften. Es werden uns so das Rätseln, das Phantasieren, das Grübeln, letztlich das selbstständige Denken genommen. Ersetzt wird es durch den Glauben an diese oder jene wissenschaftliche Erkenntnis. Erstaunlich ausgerechnet in einer Welt und Zeit, in der dem Glauben in religiösem Sinn mit grösster Skepsis bis hin zur Abneigung begegnet wird.

Während wir uns befleissigen, mit Inbrunst zu bekräftigen, an «nichts» zu glauben, glauben wir in anderen als religiösen Zusammenhängen gleichzeitig an so vieles. Etwa, dass ein Verbot von Verbrennungsmotoren und die Hinwendung zu elektrisch betriebenen Verkehrsmitteln unsere Erde rettet (aber auch nur, wenn oder weil wir daran glauben, die umweltfreundliche Erzeugung genügender Mengen elektrischer Energie werde gelingen), wir glauben daran, Flüchtlingsströme liessen sich durch Zuwanderungsobergrenzen eindämmen (aber auch nur, wenn oder weil wir gleichzeitig glauben, die Ursachen zur Flucht liessen sich «politisch» beseitigen), wir glauben daran, dass Gesetze und Verbote aus potenziell «schlechten» durchs Band «gute» Menschen machen, wir glauben daran, dass es Wissenschaft und Forschung «rechtzeitig» gelingt, auch die gravierendsten, überlebensbedrohenden Probleme zu lösen, wir glauben an so vieles. Wir werden zwar bestreiten, uns selber gegenüber dieses und jenes Glaubensbekenntnis abgelegt zu haben und korrigieren, es ginge dabei lediglich um Hoffnung (die bekanntlich «zuletzt sterbende»).

Hoffnung lässt immerhin den Zweifel zu. Dieser Zweifel könnte uns weiterbringen – aber bloss, wenn hinter ihm nicht der Glaube steht, dass, wie auch immer, letztlich auch ohne unser aktives Zutun alles gut wird.

An Tagen wie dem heutigen jedenfalls wünsche ich mir mehr Geheimnisvolles, mehr Unbekanntes in dieser Welt. Und also schreite ich durch die Nebel hindurch, die sich bis auf die Wiese auf der anderen Strassenseite gesenkt haben, und ich stelle mir vor, dahinter nicht die bekannten Haussilhouetten vorzufinden, wie sie sich meinem Auge bei schönerem Wetter präsentieren, sondern eine andere, eine unbekannte Welt, die ich erforschen werde, eine Welt voller Geheimnisse, gespickt mit Unbekanntem, Unerklärlichem, Überraschendem. Eine friedliche Welt, die verblüfft, mich staunen lässt, mich erfreut, durch die Kraft positiver Gedanken gestaltbar wird. Die Phantasie, denke ich, die Phantasie droht uns verloren zu gehen, die Phantasie, unserem Denken entsprungen und unser Denken beflügelnd, die Phantasie, die Visionen ermöglicht und erschafft. Ich aber möchte alle einladen, in dieses Abenteuer aufzubrechen und diese helle, weite, sonnenbeschienene Ebene zu durchschreiten, in der alles möglich scheint und der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind…

6. November 2017
von Martin Andreas Walser
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Weshalb die Geschichte von der heilen Welt ungeschrieben blieb

Er gedenke, eine Geschichte zu schreiben, hob er an, erfüllt von Harmonie und Liebe, angesiedelt in einer lieblichen Landschaft, unweit das Meer, darüber ein wolkenlos blauer Himmel, und bevölkert mit friedvollen, fröhlichen, aufrichtigen, ehrlichen Menschen.

«Das geht gar nicht», knurrte an dieser Stelle A., «ich mag kein Meer. Stehe ich an einem Strand und blicke ich in die scheinbare Unendlichkeit, so werde ich wehmütig, was direkt in eine Depression mündet.»

«Wie wär’s mit einem kleinen See inmitten der Berge?», schlug darauf B. vor.

«Und mit Schnee, viel Schnee, das wäre schön», fügte C. an.

D. blickte mürrisch vor sich hin: «Lauter friedvolle, fröhliche, aufrichtige, ehrliche Menschen? Wie langweilig ist das denn!»

«Mindestens ein Widerling muss dabei sein», forderte E. ultimativ.

«Und ein ungelöster Mordfall.» F. blickte erwartungsfroh in die Runde. «Er kann ja in grauer Vorzeit geschehen sein, damit diese heile Welt keinen Schaden leidet.»

«Ach was», warf G. ein, «wenn schon, denn schon. Wir wollen live dabei sein, wenn einer abgestochen wird.»

«Abgestochen?», entsetzte sich H. «Ich schlage Gift vor. Kein Blut, kein Geschrei, aber dasselbe Resultat.»

«Sie sollen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen», forderte I., «eine heile Welt ist sowas von kitschig.»

«…und weltfremd», ergänzte J. und dozierte: «Wer eine Geschichte erzählt, der hat sich an den politischen und gesellschaftlichen Realitäten zu orientieren, diese aufzunehmen und deutlich Stellung zu beziehen.»

«Exakt!», ergriff nun auch K. das Wort. «Deshalb gehört eine Gruppe sogenannter Flüchtlinge in die Geschichte hinein, die diesen vermeintlichen Frieden zu zerstören trachtet.»

«Sie vergewaltigen eine der Frauen», liess L. sich vernehmen.

«Worauf das Opfer aus der Gruppe verstossen wird», bemerkte M. trocken, «denn die Männer geben der Frau die Schuld, weil sie in einem knappen Bikini baden ging.»

«Überhaupt die Männer», gab N. zu bedenken, «sie haben diese heile Welt ausschliesslich nach ihren Vorstellungen und zum einzigen Zweck geschaffen, um die Frauen weiterhin nach Belieben unterdrücken zu können.»

«Wie kann man heutzutage überhaupt in Betracht ziehen, von einer heilen Welt erzählen zu wollen», wechselte darauf O. das Thema, «denken wir doch bloss an die Umweltverschmutzung, die Erderwärmung, die drohende Klimakatastrophe.»

Das brachte P. auf eine Idee: «Der Meeresspiegel wird im Verlauf der Geschichte steigen und steigen und das Paradies überfluten…»

«…und die friedvollen Menschen müssen sich auf Bäumen in Sicherheit bringen…», fuhr Q. fort.

«…und werden so wieder zu den Affen, von denen wir bekanntlich abstammen…», nahm R. den Faden auf.

«Sie werden froh sein», lachte S., «dass sie rechtzeitig gelernt haben, auf Fleisch zu verzichten, denn nun gibt es bloss noch Blätter zu essen.»

«Es sei denn, es handelt sich um Nussbäume oder um Apfelbäume oder was weiss ich. Dann werden sie überleben», brachte T. Abwechslung in den Speisenplan.

«Aber sie haben Kinder gezeugt. Also droht aufgrund der absehbaren Übervölkerung dennoch der Hungertod», blieb U. realistisch.

«Überhaupt Sex», wandte V. ein und wirkte verlegen, «ich möchte, dass diese friedvollen, fröhlichen, aufrichtigen, ehrlichen Menschen schönen, zärtlichen, gefühlvollen Sex miteinander haben und dies Teil der Geschichte wird.»

Dieser romantische Einschub wurde geflissentlich überhört, denn W. posaunte heraus: «Sie werden fliehen müssen. Schwimmend erreichen sie nach vielen Stunden vollkommen erschöpft einen scheinbar menschenleeren Strand…»

«Menschenfresser?», mutmasste X.

«Quatsch», warf Y. ein, «die dortigen Bewohner sind vor dem steigenden Meeresspiegel geflohen, und den Neuankömmlingen wird rasch klar, dass sie lediglich ein Zwischenziel erreicht haben.»

«Doch just in diesem Moment», beendete Z. die Diskussion, «hat der irre Präsident genug von dieser schrecklichen Welt und löst die nukleare Katastrophe aus.»

Deshalb gibt es sie nicht, die Geschichte, erfüllt von Harmonie und Liebe, angesiedelt in einer lieblichen Landschaft, unweit das Meer, darüber ein wolkenlos blauer Himmel, und bevölkert mit friedvollen, fröhlichen, aufrichtigen, ehrlichen Menschen.

19. September 2017
von Martin Andreas Walser
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Der Mann auf dem Stein (ein Zwischenbericht)

Florian Meier sass auf dem Stein, auf dem er sich öfter niederliess.

In den Augen wohl vieler Menschen ein banales Faktum.

Und keineswegs ein einmaliges Ereignis, was sich durch das Wort «öfter» verrät.

Aber auch kein alltägliches im strengsten Sinn des Wortes, denn Florian Meier setzte sich zwar öfter auf diesen Stein, aber nicht an jedem Tag. Und öfter zwar, aber nicht regelmässig: Manchmal sass er an mehreren Tagen hintereinander hier, dann wieder einen Tag oder einige Tage lang überhaupt nicht. Bei wenigen Gelegenheiten sogar mehrmals täglich – einmal am Morgen beispielsweise, wenn er nach dem Frühstück hinausging, und später erneut, wenn er sich auf dem Rückweg befand von einem kürzeren oder längeren Spaziergang hier oben über die beinahe menschenleere Ebene oder dort unten, wo ein gut ausgebauter, rege frequentierter Fuss- und Fahrradweg der Küste entlangführte.

Obwohl dieses Bild viele Ansatzpunkte zu weiteren Überlegungen bietet, lässt es uns gähnen. Bald würden wir eingeschlafen sein, oder wir würden nicht weiterlesen, mürrisch etwa oder eventuell gar etwas verärgert: Nichts Aussergewöhnliches – kein Spektakel!

Wir können uns eine Welt ohne rasante Abfolge spektakulärer Ereignisse rund um die Uhr kaum mehr vorstellen. Uns ist bereits eine Stunde, während der sich scheinbar nichts ereignet, nicht geheuer. Wir beginnen uns schon nach wenigen Minuten unwohl zu fühlen, klauben, mit bereits zittrigen Fingern, unsere Mobiltelefone hervor und angeln uns wild durch die verschiedensten Portale und Freundeskreise und News-Plattformen, stets auf der Suche und in der Hoffnung nach etwas, was wir zur Beruhigung unserer Nerven «sensationell» nennen könnten. Mitunter genügt ein neues, unscharfes Blumenbild, das Tante Hilda am Vortag auf ihrem Weg zur Bäckerei mit ihrem Handy geschossen und nun auf ihrem Profil geteilt hat. 37 ihrer Freundinnen, Verwandten und Bekannten haben es, dankbar für die gebotene Abwechslung, bereits gelikt; es fehlen nur noch zehn, bis der Rekord, gehalten vom ebenfalls unscharfen Foto von Nachbars Hund, gebrochen ist.

Alleine die Tatsache, dass Tante Hilda mit ihren fast achtzig Lebensjahren überhaupt ein Handy besitzt, war eine Sensation, als Tante Hilda ihren Kauf vermeldete. Diese Meldung wurde erstens dadurch getoppt, als sich erwies, dass sie mit dem Gerät sogar Fotos zu machen verstand, und zweitens, als man erfuhr, dass sie an der Volkshochschule nicht nur gelernt hatte, wie sie die Bilder in ihrem bevorzugten sozialen Netzwerk veröffentlichen konnte, sondern ihres Wissens in der Folge offenkundig nicht wieder verlustig ging. Nichts gegen Tante Hilda! Nichts gegen ihre Fotos!

Allerdings wird es hier gewagt, einfach einen Menschen auf einem Stein sitzen zu lassen. Vom Sitzenden wurde einleitend nichts weiter verraten, als dass er Florian Meier heisst und sich öfter an diesem Ort aufhält. Ganz schön keck! Oder dumm. Denn so lässt man eine Geschichte nicht beginnen, von der man hofft, nachgerade sehnlich erwartet, sie werde gelesen – von vielen, von ungezählten Menschen, nicht bloss von den wenigen, denen man üblicherweise eine Kopie des Textes schenkt. Wobei man selbst bei diesem an zwei Händen abzählbaren Grüppchen nie sicher sein kann, ob ihm jemand angehört, der jeweils mehr als die ersten Sätze liest.

Wenn überhaupt.

Und selbst wenn wir uns faszinieren liessen von diesem Bild, das einen auf einem Stein sitzenden Mann zeigt, vor seinen Augen das weite, offene Meer, die Sonne, die darübersteht, und am linken und rechten Rand des Himmels einige von ihr dramatisch angeleuchtete Wolken, von Weiss bis Dunkelgrau in allen Schattierungen scharf konturiert, so liesse uns dies nicht genügend lange innehalten, um es bewusst zu erfassen.

Weshalb bleiben wir nicht stehen und betrachten für einige Minuten oder länger dieses Bild? Die Landschaft und diesen Mann, der auf dem Stein sitzt, auf einem Gesteinsbrocken von beachtlicher Grösse, dunkel, fast schwarz wie beinahe alles Gestein auf dieser Insel, und die Oberfläche, anders als bei vielen anderen Brocken, die es hier zuhauf gibt, derart eben und glatt, dass sich der Mann, von dem wir aus unserer Position lediglich den Rücken sehen sowie den Hinterkopf, das Weiss des bis in den Nacken fallenden Haars hat fast ganz über das ursprüngliche Braun gesiegt, bequem ausstrecken könnte, wenn er wollte, um auf dem Rücken liegend in den Himmel zu sehen. Weshalb lassen wir es nicht zu, in solchen Momenten gleich dem Mann auf dem Stein zur Ruhe zu kommen, einmal einfach nichts anderes zu tun als zu bewundern, zu schweigen, zu schauen, eventuell ein wenig nachdenklich zu werden und ihn als beglückend zu empfinden, diesen Blick auf eine Welt, in der sich für einmal nichts tut?

Dieser Mann, Florian Meier, wie wir uns erinnern, 64 Jahre alt, seit vier Jahren pensioniert, sitzt regungslos da.

Von unserem Standort aus lässt sich nicht erkennen, ob es sich um einen lebenden Menschen handelt oder um eine Skulptur.

31. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Ziffern und Buchstaben

«Ziffern gehören augenblicklich verboten», forderte er.

«Weshalb?», wurde er gefragt.

«20 Prozent unserer Ziffern sind eine kriminelle Vereinigung eingegangen mit dem Ziel, uns Unglück zu bringen. 20 Prozent! Konkret: Die 1 und die 3. Es gilt als erwiesen, dass die anderen Ziffern ebenfalls mit dem Gedanken spielen, sich alleine oder im Verbund gegen uns zu wenden.»

«Wer sagt das?»

«Viele. Und was viele sagen, ist wahr.»

«Auch Buchstaben vereinigen sich. Zu Wörtern. Wörter können töten. Sagt man.»

«Demnach sind auch die Buchstaben zu verbieten.»

«?»

«!»

30. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Das Huhn und das Ei

Aus meinem Notizbuch: «Wer erreichen will, dass es künftig keine Hühnereier mehr gibt, kann verschiedene Wege einschlagen: Er kann alle Hühner schlachten, er kann alle Eier vernichten – oder er wählt den in vergleichbaren Fällen häufigsten Weg: Er verbietet den Hühnern das Eierlegen.»

29. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Wie ein Stein

Aus meinem Notizbuch: «Wie ein Stein, ein grosser, schwerer Brocken, ist sie vom Himmel gefallen, die Erkenntnis. Nur zu dumm, dass er sie nicht mehr nutzen und wir, die wir uns erwartungsfroh in seiner Nähe aufhielten, nicht davon profitieren konnten – weil sie ihn, tonnenschwer, erschlug.»

27. August 2017
von Martin Andreas Walser
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Und es kehrte Ruhe ein im Land – ein Fragment

Es blieb eigenartig ruhig im Land, nachdem ein Sprecher der Regierung vor die laufenden Kameras getreten war und das generelle, sofort in Kraft tretende Verbot eigenständigen Denkens verkündet hatte. Man habe sich zu diesem Schritt gezwungen gesehen, erklärte er, weil damit die Bevölkerung noch effektiver und effizienter vor extremistischen Umtrieben geschützt werden könne. Das Verbot diene also dem Erhalt des Friedens, der Freiheit, des geistigen, somit auch körperlichen Wohlergehens und sichere die Zukunft als Gesellschaft und Nation – nicht zuletzt mit Blick auf die Erfordernisse der Wirtschaft.

Während Monaten waren zuvor Ergebnisse «wissenschaftlicher Studien» veröffentlicht und kommentiert worden, woraus unter anderem hervorging, dass Probanden, die über einen gewissen Zeitraum freiwillig auf eigenständiges Denken verzichtet hatten, selbst nach einer vergleichsweise kurzen Beobachtungszeit eine eindeutig höhere Lebenserwartung prophezeit werden konnte als einer vergleichbaren Gruppe, die nach dem herkömmlichen Muster lebte. Eine andere Studie wies nach, dass der Anteil der Nichtdenkenden bei den Erwerbslosen vernachlässigbar klein war, während deren Zahl bei den Denkenden exorbitant anstieg und die Karriereaussichten für nicht eigenständig Denkende ungleich besser zu beurteilen waren. Und nicht zuletzt wirke sich, wurde eine weitere Untersuchung zitiert, der Verzicht auf eigenständiges Denken positiv auf das private Leben aus: «Wer nicht denkt, findet gemäss unseren Untersuchungen leichter eine Partnerin oder einen Partner und kommt in den Genuss von mehr und besserem Sex.»

Wer also wollte ernsthaft einer Massnahme opponieren, die einerseits mehr Sicherheit, Frieden und Freiheit brachte und andererseits die Chancen am Arbeitsmarkt und im privaten Leben verbesserte!

Und so kehrte Ruhe ein im Land, und es dehnte sich das, aus Sicht der Regierung positiv verlaufende, Experiment rasch über den ganzen Kontinent und danach auf viele weitere, dem Fortschritt verpflichtete Staaten der Welt aus.